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Feierliche Vereinsgründung im Lingener Rathaus – Hoffmann: Zivilcourage notwendig – Dank an Mitglieder

Lingen (pe)
Brücken schlagen zwischen Juden und Christen, ein Zeichen gegen das Vergessen setzen, Fremdenfeindlichkeit entgegentreten: dies sind die Ziele des neuen Vereins ,,Forum Juden-Christen Altkreis Lingen”, der am Mittwochabend im Rahmen einer feierlichen Versammlung im Sitzungssaal des Lingener Rathauses gegründet wurde. Das Forum tritt damit die Nachfolge des Arbeitskreises Judentum-Christentum an, den Josef Möddel 1983 gegründet hatte.

forum_unterz2Es war ein hoffnungsvoller Anfang für den neugegründeten Verein unter dem Vorsitz von Reinhold Hoffmann, dass neben Oberbürgermeister Heiner Pott auch Frerens Verwaltungschef Heinz Finke, Samtgemeindebürgermeister August Bölscher, Lengerichs Samtgemeindebürgermeister Josef Liesen, Oberkreisdirektor Hermann Bröring und die beiden Bundestagsabgeordneten Monika Heubaum (SPD) und Dr. Hermann Kues (CDU) ihre Unterschrift auf die Gründungsurkunde setzten. Der Verein steht somit nicht nur aufgrund der bereits erfolgten umfassenden Vorarbeit in den vergangenen Jahren auf einem tragfähigen Fundament. ,,Wenn Sie die Gründungsurkunde unterschreiben, dann ist dieses für die Zukunft ein äußerst wichtiges Zeichen gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus”, betonte Hoffmann.

Zuvor hatte Oberbürgermeister Pott in einer Einführung auf den wechselvollen Umgang der Stadt Lingen mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde in der Kommune hingewiesen. Pott ließ nicht unerwähnt, dass es der Stadt im Jahr 1975 kein einziges Kapitel in der Chronik aus Anlass ihres 1000-jährigen Geburtstages wert gewesen war, auf die ehemaligen jüdischen Mitbürger hinzuweisen. ,,Das Bewusstsein, die Sensibilität für dieses Thema war einfach nicht vorhanden”, erläuterte der OB.

schergerSeitdem hat sich, so Pott weiter, in der Stadt Lingen im Umgang mit der eigenen Geschichte sehr viel getan. Der Verwaltungschef erinnerte schlaglichtartig an die Errichtung von Gedenksteinen auf dem Jüdischen Friedhof für den letzten Synagogenvorsteher Jacob Wolff und die Familie Grünberg, die Renovierung und Gestaltung der Jüdischen Schule zur Gedenkstätte und die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Ruth Foster und Bernard GrünbergDie Eintragung als Verein mache deutlich, dass eine Fortsetzung der intensiven Arbeit beabsichtigt sei, sagte Pott. Er dankte den Mitgliedern in Lingen, Freren und Lengerich für ihr bisheriges Engagement, durch intensive Aufarbeitung der Vergangenheit aufzuklären, zu erinnern und zu mahnen. ,,Insbesondere hinsichtlich des zunehmenden Rechtsradikalismus und einer anscheinend antisemitischen Haltung in bestimmten Gruppierungen unseres Landes ist diese Arbeit notwendiger denn je”, unterstrich der Oberbürgermeister.

Reinhold Hoffmann dankte anschließend Josef Möddel, seinem Amtsvorgänger Pastor Wolfgang Becker, Anne Scherger, Gerhard Sels aus Lengerich und dem Frerener Lothar Kuhrts für alles, was sie bereits im Sinne eines Brückenschlages zwischen Juden und Christen geleistet haben. ,,Jeder von Ihnen war und ist ein gutes Vorbild für Zivilcourage”, betonte Hoffmann.

Bei der Vorbereitung der Gründungsveranstaltung sei er gefragt worden, ,,warum man die Geschichte mit den Juden nicht endlich ruhen lässt”, sagte der Vorsitzende weiter. Und häufig höre er, dass ,,auch wir doch sehr viel Leid ertragen haben”. Der Baccumer machte in diesem Zusammenhang deutlich, dass es nicht um die Frage der Schuld gehe. ,,Es geht um Verständigung und Versöhnung. Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. Wir sind es den Opfern der Shoa schuldig, sie und ihr Leiden niemals zu vergessen. Wer diese Opfer vergisst, tötet sie noch einmal.”

Hoffmann erinnerte daran, dass man zwar in einer Region lebe, in der die Polizei nicht jeden Tag eine Straftat mit rechtsradikalem liesen Hintergrund aufnehmen müsse. Die Schändungen von Gedenkstätten und jüdischen Friedhöfen im Altkreis Lingen in der jüngsten Vergangenheit hätten aber auch deutlich gemacht, dass niemand die Augen vor solchen Entwicklungen verschließen dürfe. ,,Unsere Antwort muss daher sein: Wehret den Anfängen”, forderte Hoffmann, geschehenes Unrecht zu benennen und Zivilcourage zu zeigen. Nach seinen Angaben konnte die Schändung des Jüdischen Friedhofes in Freren aufgeklärt werden. Die Täter, die nicht aus Freren stammen, wurden von der Polizei ermittelt.

,,Aus vielen Gesprächen der letzten Wochen wissen wir, wie anfällig besonders sozial schwache Jugendliche für radikale Parolen sind”, erläuterte Hoffmann weiter. Hier liege eine der zukünftigen Aufgaben des Forums Juden-Christen, unterstrich der Vorsitzende. So will der Verein mit Programmen des Bundes und des Landes versuchen, benachteiligten Jugendlichen eine Perspektive zu vermitteln. Außerdem ist geplant, in den nächsten Jahren das gesamte Archiv- und Dokumentationsmaterial über das jüdische Leben in dieser Region für das Internet aufzubereiten. ,,Besonders den jungen Menschen an unseren Schulen möchten wir es zur Verfügung stellen”, sagte Hoffmann.

Als weitere Aufgaben nannte er die Förderung eines Schüleraustausches mit Israel, die Erhaltung und Pflege der Jüdischen Friedhöfe, des Gedenkortes Jüdische Schule sowie der ,,Samuel Manne”-Geschichtswerkstatt in Freren. Hoffmann drückte abschließend seine Freude darüber aus, dass sich inzwischen bereits über 40 Bürgerinnen und Bürger im Altkreis Lingen für eine Mitgliedschaft im neuen Verein entschieden hätten. Weitere seien herzlich willkommen. Anträge würden unter anderem in den Verwaltungen in Lingen, Freren und Lengerich bereitliegen.

Umrahmt wurde die Feierstunde vom Quartett des Lingener Kammerorchesters unter der Leitung von Karl-Heinz Schmidt. Somit erhielt die Veranstaltung nicht nur durch die Redebeiträge (siehe auch den weiteren Bericht auf dieser Seite), sondern auch auf musikalische Weise einen würdevollen Rahmen.

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