Fast drei Monate nach seinem Tod am 16. Januar konnte Bernhard Grünberg (1923 – 2021) am Donnerstag, dem 8. April 2021 auf dem jüdischen Friedhof in Lingen beigesetzt werden. Daran, dass sein letzter Wunsch, am Gedenkstein für seine Eltern und seine Schwester beerdigt zu werden, in Erfüllung ging, haben viele Menschen mitgewirkt, vor allem sein Freund Atze Storm sowie die jüdische Gemeinde Osnabrück mit ihrem Vorsitzenden Michael Grünberg, Rabbiner Shimi Lang und Kantor Baruch Chauskin, die die Trauerzeremonie würdevoll vollzogen. Pandemiebedingt durften nur etwa 60 Trauergäste teilnehmen. Viel mehr Menschen hätten Bernhard gern die letzte Ehre erwiesen.

Oberbürgermeister Dieter Krone brachte in Erinnerung: „Aufgrund der Corona-Erkrankung von Bernard Grünberg, aber auch aufgrund des Brexit und damit verbundenen hohen bürokratischen Auflagen hat sich die Überführung seiner sterblichen Überreste sehr lange hingezogen. Heute dürfen wir ihn gemeinsam auf seiner letzten Wegstrecke begleiten, um ihm damit unsere tiefe Ehrerbietung zu erbringen. Das hohe Alter von 97 Jahren beschreibt nicht nur einen langen, sondern vor allem auch einen sehr beschwerlichen Lebensweg.“

Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone. Ganz links Kantor Baruch Chauskin. Foto: Lingener Tagespost, Thomas Pertz, mit freundlicher Gnehmigung

Mahnend fügte Krone hinzu: „Lassen Sie uns diese vielen Erinnerungen an ihn wachhalten und weitertragen. Möge sein Tod ein Vermächtnis sein, uns auch in Zukunft aktiv gegen Antisemitismus, Rassenwahn und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen und dafür zu sorgen, dass sich solch schreckliche Ereignisse, die unser menschliches Vorstellungsvermögen übersteigen, niemals wiederholen.“

Gernot Wilke-Ewert, Vorsitzender des Forums. Im Hintergrund Mitglieder der jüdischen Gemeinde Osnabrück. Foto: fwp

Gernot Wilke-Ewert, Vorsitzender des Forums, dankte zu Beginn seiner Trauerrede Angela Prenger für die Zitate, die aus Telefongesprächen mit Bernhard Grünberg stammen. Wilke-Ewert wörtlich: „Lingen war für Bernhard Grünberg seine Heimat, die ihm genommen wurde. Über die Umschichtungseinrichtung in Berlin konnte er als einer von 10.000 Kindern nach England gerettet werden. In Derby fand er ein neues Zuhause mit seiner Frau Daisy, die vor 20 Jahren verstarb. ‚Ich kann mich nicht beklagen. Ich wurde hier in England von vielen freundlich aufgenommen. Niemand hat sich mir gegenüber feindlich gezeigt. Das war mein Leben. Ich hatte auch ganz viel Glück.‘ (…) Für mich prägend ist die innere Einstellung, wie Bernhard Grünberg selbst mit seinem Schicksal umgegangen ist. Seine Würde wurde ihm nicht nur durch die Nazianalsozialisten abgesprochen. Mitschüler haben ihn über die Maßen in der Schule und auf dem Schulweg geärgert und auch verprügelt. Er hat alles Unrecht und Leid nicht vergeben und vergessen. Die Würde des Menschen ist antastbar.- Aber Bernhard hat auch ganz vielen Schulklassen in England und hier in Lingen von seinem Leben erzählt, damit sie es besser machen können. Bernhard hat die Einladungen nach Lingen angenommen, seine Geburtstage hier gerne gefeiert und sich sehr über die Besuche aus Lingen gefreut. Er hat für den Gedenkort Jüdische Schule ein Eisentor gefertigt, seine Erinnerungstücke uns hinterlassen. Und schließlich entschieden, hier beerdigt zu werden.

Nach der Beisetzung: Josef Möddel (Mitte), langjähriger Freund von Bernhard, der die Anregung zur Ehrenbürgerschaft von Bernhard Grünberg und Ruth Foster gab, begleitet von Heribert Lange (rechts) und Paul Haverkamp. Foto: fwp

Das Leben musste ja weitergehen. Meine Trauer musste ich mit mir alleine ausmachen. Ich wollte kein falsches Mitleid. Am Tag hatte ich meine Arbeit, am Abend, wenn ich alleine war, flossen die Tränen. Ich trauerte, ich hatte alles verloren, meine Eltern, meine Schwester, unsern Besitz, meine schulische Ausbildung.‘- Menschenwürde zeigt sich in Gesten, wie die Benennung einer Straße nach ihm und dass er Ehrenbürger wurde. Diese Würdigungen sind bei ihm angekommen. Würde ist nicht selbstverständlich, sie kann durch Menschen gelebt werden, die Leid und Freude empathisch teilen und im Leben Haltung zeigen. – ‚Aber man kann nur mit Hoffnung leben. Ich habe versucht, aus allem Bösen etwas Gutes zu ziehen. Dann kann man noch etwas aus seinem Leben machen. Es gibt im Leben gute Tage und schlechte Tage!‘ (Er lacht).“

Podcast der Ems-Vechte- Welle

S. auch den ausführlichen Bericht von Thomas Pertz in der Lingener Tagespost vom 9.4.2021

https://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/2277963/die-letzte-ehre-fuer-bernard-gruenberg-auf-dem-juedischen-friedhof-in-lingen

emstv- Video von Rene Hessels unter

https://www.lingen.de/politik-rathaus-service/aktuelles/lingen-aktuell/beerdigung-bernard-gruenberg.html

unter dem folgenden link ein BBC- Beitrag

https://www.bbc.com/news/uk-england-derbyshire-56665410