Am 9.11.2021 fand die traditionelle Feier zum Gedenken an die Novemberpogrome im „Garten der Erinnerung“ (Bernhard Grünberg) am Gedenkort Jüdische Schule statt.

Für die Stadt Lingen führte Bürgermeister Stefan Heskamp aus:

Alte Synagogen und wie hier in Lingen der Lern- und Gedenkort Jüdische Schule sind stumme Zeugen verlorenen Lebens in Deutschland – auch in Lingen. Sie sollen uns während der offiziellen Gedenkstunde mahnen und zugleich die Erinnerung an die ermordeten jüdischen Lingenerinnen und Lingener und alle anderen sechs Millionen Juden wachhalten. Allesamt Ankläger, die ihre Mörder nicht selbst belangen konnten, weil ihre Stimmen verstummt sind. – Die Bilanz des Novemberpogroms in Deutschland war verheerend: eine vierstellige Zahl zerstörter Synagogen und Bethäuser, tausende demolierter Geschäfte und Betriebe, ungezählte verwüstete Wohnungen, Altersheime und Friedhöfe, mindestens 91 direkt sowie über tausend indirekt durch Freitode, Folgen der Verletzungen oder der KZ-Haft ums Leben gekommene Juden, von denen zirka 30.000 in diverse Konzentrationslager deportiert wurden. –Auch hier in Lingen spielten sich furchtbare Szenen ab. Das Novemberpogrom war ein allen sichtbares Fanal: Niemand konnte mehr daran zweifeln, dass es den Nazis mit ihrer antisemitischen Hetze blutiger Ernst war. (…)

Von den aus Lingen deportierten Juden überlebte nur Ruth Heilbronn. In diesem Jahr wäre sie am 14. November 100 Jahre alt geworden.
Die 20-Jährige hatte sich 1941 dem so genannten Bielefelder Transport freiwillig angeschlossen, um bei ihren Eltern bleiben zu können. Ruth überlebt das Ghetto Riga, das KZ Stutthof und die Todesmärsche: ‘Wir sind fast vier Wochen in der Kälte marschiert. Wir marschierten nachts, tagsüber hat man uns in Bauernhöfen untergebracht. Die meisten von uns waren krank: Typhus, Gelbsucht usw. (…) Wir haben kaum etwas zu essen bekommen. Die nicht mehr weiterkonnten und zurückblieben, wurden am Straßenrand erschossen,‘ berichtet Ruth Foster später.(…) Bei einer Größe von 1,76 Meter habe sie damals noch 40 Kilo gewogen. – (…) Berichte wie der von Ruth Foster geben nur einen kleinen Eindruck von der Hölle der Shoah. Danach war eigentlich schon der Gedanke vermessen, es könne je wieder jüdisches Leben in Deutschland geben.

Doch Jüdinnen und Juden aus Deutschland und aus den besetzten Ländern, die die Lager überlebt hatten oder emigriert waren, kehrten zurück beziehungsweise gingen nach Deutschland. (…) Es entstanden wieder jüdische Gemeinden, Synagogen wurden wiederaufgebaut. Es ist ein kostbares Geschenk, dass Deutschland heute wieder eine Heimat für Juden sein darf.“

Foto: ems-Vechte-Welle (Wibke Pollmann)

Der Stellvertretende Vorsitzende des Forums, Dr. Walter Höltermann, erinnerte an das Versagen der Gesellschaft angesichts des erstmals öffentlich vollzogenen Terrors gegen jüdische Menschen: „Die Frage nach diesem ‚Warum‘ beantwortet sich (…) in der Reflexion dessen, was wir Werte nennen und was unsere Haltung formt. Diese Grundüberzeugungen vom Humanismus, der christlichen Nächstenliebe und der Demokratie waren 1938 offensichtlich im öffentlichen Raum nicht mehr vorhanden, hatten sich in der Gleichschaltung des nationalsozialistischen Staates aufgelöst. Insofern war jeder auf sich selbst gestellt und musste jeder individuell selbst eine eigene Haltung, ein eigenes Verständnis für die Geschehnisse entwickeln. Er wurde dabei von all denen, von denen er eigentlich eine Orientierung und Unterstützung hätte erwarten können, allein gelassen. Reinhold Schneider, ein 1903 in Baden geborener Schriftsteller, hat dieses in seiner Schrift ‚Das Unzerstörbare‘ nach dem Ende des nationalsozialistischen Staates aufgegriffen. Tief betrübt war er über das Versagen der katholischen Kirche und des christlich erzogenen Bürgertums im Dritten Reich. ‚Spätestens am Tage des Synagogensturms‘, so Schneider, ‚hätte die Kirche schwesterlich neben der Synagoge erscheinen müssen. Es ist entscheidend, dass das nicht geschah. Aber‘, so Schneider weiter, ‚was tat ich selbst. Als ich von den Bränden, Plünderungen, Gräueln hörte, verschloss ich mich in meinem Arbeitszimmer, zu feige, um mich dem Geschehen zu stellen und etwas zu sagen.‘ -(…) Ursächlich für die Auslieferung eines gesamten Staates an eine Bande von Verbrechern und Mördern ist augenscheinlich der Mangel an politischer Erziehung gewesen. Der Nationalsozialismus war eine Lehre der Oberfläche und er verbreitete sich mit Hilfe der Massenpsychose. Er ging ja nicht – wenigstens für die meisten Menschen bewusst nicht – in die Tiefe. Und so kommt das für den Betrachter von außen verwunderliche Bild zustande, dass sich die Menschen zum großen Teil nie vom Nationalsozialismus getroffen fühlten und sich auch mit seinen Schandtaten nie identifiziert haben. Diese These beweist sich beispielsweise auch in unserer Stadt anhand einer umstrittenen Straßenbenennung.“ – Höltermann benennt aber auch eine der wenigen mutigen Widerstandshandlungen: „Erinnerung allein ist noch keine Erinnerungskultur. Diese wird erst dann verwirklicht, wenn sie in die Zukunft hinein gerichtet ist, wenn wir aus der Erinnerung heraus Lehren für unser heutiges Leben formulieren können. Ich denke dabei können uns Vorbilder hilfreich sein, die durch ihr Verhalten ein Beispiel gesetzt haben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld. Dieser war in der Nacht vom 9. auf den 10. November leitender Beamter in der Polizeiwache Berlin Mitte. Als ihm mitgeteilt wurde, dass SA-Männer die Synagoge in der Oranienburger Straße angezündet haben, rückte er mit seinen Mitarbeitern aus und sorgte mit vorgehaltener Pistole dafür, dass der Brand gelöscht wurde und die Synagoge weitgehend erhalten blieb. Weder Krützfeld noch einer seiner Beamten wurde im Nachhinein dafür belangt. Dieses Beispiel zeigt nicht nur, dass Widerstand nicht immer sinnlos war, sondern zwingt mich auch zu einem Nachdenken über Mut und die Übernahme von Verantwortung.“ Lassen sie mich zum Schluss drei Folgerungen formulieren, die sich für mich in der Erinnerung an die Ereignisse des Novemberpogroms 1938 für das Heute ergeben: (…)

1. Ganz im Sinne von Michael Friedmann: Entweder gibt es eine Zukunft für uns alle, die wir frei leben wollen, oder für niemanden für uns.

2. Ganz im Sinne von Kurt Tucholsky: Machen wir uns fähig, nicht nur zuzuschauen und uns innerlich begrenzen, wenn wir in eine Situation kommen, die unseren Grundüberzeugungen widerspricht. Sagen wir dann laut NEIN.

3. Ganz im Sinne von Sophie Scholl: Antworten wir auf die allgegenwärtige Hetze der Gegenwart nicht mit der Trägheit des Herzens.“

s.a. den Podcast der Ems-Vechte-Welle

https://www.emsvechtewelle.de/gegen-das-vergessen-gedenkfeier-anlaesslich-der-reichspogromnacht-in-lingen/