Im Anschluss an den ökumenischen Gottesdienst fand eine  Kranzniederlegung vor dem Gedenkort Jüdische Schule statt. Daran konnte nur ein kleiner Personenkreis teilnehmen. Sie erlebten eine würdige Feier mit einer sehr passenden musikalischen Begleitung durch den Klarinettisten Lulzim Bucaliu.                                                              Für das Forum hielt dessen Stellvertretender Vorsitzender Dr. Walter Höltermann eine Gedenkrede, der er ein Zitat von Rolf Winter voranstellte: ‚Vergangenheit, die ruht, kann sich wiederholen‘. Höltermann weiter: „Mit der heutigen Gedenkveranstaltung wird die Erinnerung an die Novemberpogrome des Jahres 1938 wachgehalten, damit sich das damit verbundene Grauen nicht erholt, ein solches Ereignis sich nicht wiederholt. Das was damals geschah, war in all seinem Terror jedoch noch nicht der Gipfel der Nazi-Barbarei. Es war, nach den Worten von Saul Friedländer, nur ein mattes Vorspiel dessen, was den Juden in Deutschland und im besetzten Europa widerfahren sollte. Die Novemberpogrome 1938 hinterließen geschändete und ausgebrannte Synagogen, vollständig verwüstete Geschäfte und zerstörte Wohnungen, schätzungsweise 400 Ermordete, zahllose vergewaltigte jüdische Frauen und etwa 30.000 in KZ`s verschleppte jüdische Männer. Das war das Werk eines aufgehetzten und teils auch alkoholisierten braunen Mobs, der planvoll „von der Leine gelassen wurde“. Höltermann verwies darauf, dass das Verbrechen von den Nazis lange geplant worden war, der Anlass willkürlich gewählt. „Dieser sogenannte Ausbruch des Volkszorns, diese rohen und tumben Gewalttätigkeiten der beteiligten Abordnungen von SA, SS und Hitlerjugend mit ihrem blanken Sadismus sowie perversen Einfällen, diese Orgien der Zerstörung und Erniedrigung war das Werk der jahrelangen Hetze und propagandistischen Verführung. Das Verführungspotenzial wird in seinem Ausmaß erst erkennbar, wenn bedacht wird, warum sich Bürger unterschiedlicher Herkunft und soziokultureller Prägung hatten mitreißen lassen. Es wurde planvoll eine Gewaltbereitschaft geschaffen, welche nur darauf wartete sich entladen zu können.“  Über die Bedeutung des Gedenkens: „Der heutige Gedenktag gibt erneut Gelegenheit, sich der Ereignisse im November 1938 zu vergewissern, damit diese nicht in Vergessenheit geraten. Dieses sind wir einerseits den Opfern schuldig, das gebietet der absolut notwendige Respekt vor deren unfassbarem Leid. Den Taten, die dazu führten und die durch Deutsche und in deutschem Namen begangen wurden, können wir nicht ausweichen, und sie unterliegen in ihrer Ungeheuerlichkeit auch keiner Verjährungsfrist.“   Die Kritik des Forums an einem geplanten Museum für den freiwillig und ohne Zwang der SS beigetretene “Hauptsturmführer” Rosemeyer verband Höltermann mit einem Vorschlag: „In diesem Kontext von Vergangenheit und deren Prägung für das gegenwärtige Tun drängt sich mir ein weiterer Aspekt auf. Es mag sein, dass es interessanter ist, ein Museum für einen berühmten Rennfahrer im Rang eines SS – Offiziers als für Freddy Markreich zu errichten. Freddy Markreich wurde im November 1938 zunächst sein Geschäft in der Großen Straße entwendet, dann erfolgte seine Verschleppung nach Buchenwald. Im April 1939 emigrierte er nach Liberia, wo er an einer Seuche verstarb. Es mag auch sein, dass ein Museum für eine bekannte Fliegerin glamouröser ist als für Henriette Flatow. Henriette Flatow wohnte im Bonifatius – Hospital und war dort als Küchengehilfin tätig. Im Juli 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie im Januar 1943 verstarb. Bei allem Respekt vor unterschiedlichen Auffassungen und Haltungen stellt sich mir doch die Frage: Cui bono? – Wozu soll es gut sein?“  Auf die Zukunft bezogen schloss Höltermann: „Das heutige Gedenken ist Teil einer Gedenkkultur, die eine notwendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ermöglicht und die Erinnerung daran wachhält. Sie hat die Funktion eines Katalysators, der Denkvorgänge und Verhaltensweisen fördern soll, die einem Rückfall in die Banalität des Grauens entgegenwirken. Dieses ist keine Gedenktagen vorbehaltene Fiktion, sondern der Aufruf jeder Form von übersteigertem Nationalismus, von Antisemitismus und Menschenverachtung im Alltag energisch entgegenzutreten.“                                                                                  

Oberbürgermeister Dieter Krone und der Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Gernot Wilke-Ewert, legten einen Kranz am Gedenkstein für die Lingener Synagoge nieder.

Eine weitere beeindruckende Rede zum Gedenken an den ersten offenen Gewaltausbruch der Nazis gegen Juden hielt Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone. Er erinnerte: „Am 9. und 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Das Novemberpogrom war ein allen sichtbares Fanal: Niemand konnte mehr daran zweifeln, dass es den Nazis mit ihrer antisemitischen Hetze blutiger Ernst war. Das Novemberpogrom markierte den Beginn eines Zivilisationsbruchs, der im unfassbaren Grauen des Holocaust endete.“ Krone machte deutlich, dass Deutschland eine besondere Verantwortung für jüdische MitbürgerInnen trage: „Dass Jüdinnen und Juden in das Land der Täter zurückkehrten oder einwanderten, ist ein Vertrauensbeweis. Er basiert darauf, dass Deutschland sich nach 1945 geändert, dass es sich seiner Vergangenheit gestellt und es geschafft hat, eine Demokratie aufzubauen, einen freiheitlichen Rechtsstaat, der die Würde des Menschen, die Würde eines jeden Menschen ungeachtet seiner Herkunft oder Religionszugehörigkeit zum Grundprinzip erhebt. Doch dass es bei uns wieder jüdisches Leben gibt, ist auch ein Vertrauensvorschuss. Denn der Antisemitismus ist nicht mit dem Dritten Reich untergegangen.“      

Blumen an Stolpersteinen: Hier die Erinnerungen an die Familie Grünberg. Foto: Heribert Lange 

In Erinnerung an den  kürzlichen Besuch von Felix Klein in Lingen führte Krone aus : „Erst vor wenigen Tagen hat der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Dr. Felix Klein, das Forum Juden-Christen besucht. Während eines Interviews führte er aus, dass Antisemitismus in unserer Kultur so eingeübt sei, dass dieser in unserer Gesellschaft zum Ventil für Unzufriedenheit werde. Wie im Mittelalter die Juden für den Ausbruch der Pest verantwortlich gemacht wurden, so haben heute angeblich israelische Forscher das Corona – Virus in die Welt gesetzt, damit israelische Firmen der Welt ihren Impfstoff verkaufen können.Hannah Arendt, deren Büste hier zu sehen ist, sagte bereits 1941 bitter – ironisch: ‚Vor Antisemitismus aber ist man nur noch auf dem Monde sicher.‘ Antisemitismus ist mitnichten überwunden – bei uns in Deutschland nicht und bei vielen unserer europäischen Nachbarn nicht. Gedenken lenkt den Blick nicht nur in die Vergangenheit; Gedenken ist genauso auf Gegenwart und Zukunft gerichtet. Gedenken will das Vergangene wieder sicht- und greifbar machen – und es will den Verpflichtungen nachspüren, die sich aus der Geschichte für das Heute ergeben. ‚Nie wieder‘ – so hieß es nach 1945, als den Menschen das ganze Ausmaß des Grauens der Schoa bewusst wurde. Doch wie vermitteln wir dieses ‚Nie-Wieder‘ im Jahr 2020?”                          

 Blumen an Stolpersteinen: Hier die Erinnerungen an die Familie Hanauer. Foto: Walter Höltermann

Der Oberbürgermeister wandte  sich damit an die anwesenden Mitglieder des Forums:  “Sie, liebe Mitglieder des Forums Juden-Christen, leisten hier herausragende Arbeit. Ich danke Ihnen allen dafür, dass Sie Begegnungen, Wiederbegegnungen, Dialog und Austausch zwischen Juden und Christen immer wieder möglich machen. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann sie nach Erkenntnissen befragen, die für die Gegenwart nutzbar sind. Nur wer die Vergangenheit kennt, erkennt, wie schnell Vorurteile in Verfolgung umschlagen können und wie gefährdet Freiheit, Demokratie und die Wahrung der Menschenrechte immer und überall sind. ‚Demokratie gibt es nicht zum Nulltarif‘, hat Max Mannheimer einmal gesagt. Die designierte Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten, Kamala Harris, zitierte bei ihrer Siegesrede an diesem Wochenende den mittlerweile verstorbenen Kongressabgeordneten John Lewis mit den Worten: ‚Demokratie ist kein Zustand. Sie ist ein Akt. – Was er meinte, war, dass es für Demokratie keine Garantie gibt. Sie ist nur so stark wie unsere Bereitschaft, für sie zu kämpfen, sie zu schützen und sie niemals für selbstverständlich zu halten.‘ Wenn wir heute an das Novemberpogrom erinnern, dann bekunden wir unsere Trauer und unsere Scham über das Entsetzliche, das damals geschah. Aber wir bekunden auch unseren Willen für die Werte von Menschenrechten, für die Freiheit und die Demokratie einzutreten.“

Das Forum Juden-Christen ruft dazu auf, im November weiterhin Blumen an Stolpersteinen niederzulegen. Walter Höltermann: “Das Grauen war mit dem 9.und 10. 11. 1938 nicht vorbei, es ging weiter.”

Die Standorte der Lingener Stolpersteine lassen sich finden unter

http://www.lingen.de/pdf_files/allgemein/wegweiser-zu-den-stolpersteinen_2615_1.pdf