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Die Geschwister Manne betreten zum ersten Mal das Haus ihrer Eltern in Freren

Freren (pd) – Lothar Kuhrts zeigt auf die Grulandstraße, gleich neben dem Kirchberg. „Da wohnte ihr Onkel Simon. Er war sehr angesehen hier”, sagt er. Eva und Renee Manne hören gebannt zu, fragen leise nach, machen Fotos. Sie haben Lothar Kuhrts, der in Freren die jüdische Geschichtswerkstatt aufgebaut hat, gerade erst kennen gelernt. Aber dieser fremde Mann erzählt ihnen Details aus der Geschichte ihrer Familie, die sie selbst nicht kennen. Weil die Nazis ihre Verwandten 1941 aus Freren vertrieben und zum Teil getötet haben. Zum ersten Mal können die zwei in Schweden lebenden Schwestern wieder das ehemalige Haus ihrer Eltern betreten – ein anrührender Moment.

Das Forum Juden-Christen gestaltet das Wohnhaus an der Grulandstaße zu einem „Lernort jüdisches Bethaus” um (der Kibo berichtete in Nr. 36). Durch Zufall hatten die Geschwister Manne davon erfahren. Sie brauchten eine amtliche Bescheinigung der Stadt Freren, fanden bei ihrer Suche die Internetseite des Forums und so den Kontakt zu dessen Vorstand. Kurzerhand lud Reinhold Hoffmann Eva und Renee Manne zu einem Kurzbesuch rund um den Gedenktag zur Reichspogromnacht ins Emsland ein. Und dort werden sie so herzlich aufgenommen, als gehörten sie sowieso nach Freren.kirchenbote-16-11-03

Denn ihre Familiengeschichte ist Teil der Ortsgeschichte. Bürgermeister Klaus Prekel erzählt bei dem Empfang im Rathaus von ihren Großeltern, die 1906 in Freren geheiratet haben. Von ihrer Mutter Erika, die 1915 in Freren geboren wurde. Lothar Kuhrts hat diese Biographien erforscht – auch das schreckliche Ende des kleinen Bruders Samuel, den die Schwestern nie kennen lernen durften. Er wurde nach der Deportation 1943 mit der Großmutter in Auschwitz ermordet. „Für dieses Leid, das wir ihrer Familie und auch den anderen jüdischen Familien in Freren angetragen haben, möchte ich mich in aller Form entschuldigen”, sagt Klaus Prekel.

Um Fassung bemüht hören die zwei Frauen zu. Die 57-jährige Eva Manne fragt nach der Rede. Aufmerksam liest sie mit ihrer sechs Jahre jüngere Schwester später die genannten Daten nach. Vieles ist neu für sie. Ihre Eltern Erika und Martin überlebten die Tötungsmaschinerie der Nazis und siedelten nach dem Krieg nach Schweden über. Dort kamen die Schwestern zur Welt. Heute leben sie in der Nähe von Stockholm. Mutter und Vater sind vor einigen Jahren verstorben.

„Unsere Mutter hat nur die fröhlichen Sachen aus Freren erzählt, wie sie zum Beispiel mit ihrer Freundin im Nachbarhaus Briefpost gespielt hat”, sagt Renee. Über das Leid mochte sie nicht reden. „Das konnte sie nicht, weil es zu weh tat”, ergänzt Eva. ,,Diese Tür war zugeschlagen. Der Teil ihrer Geschichte war für uns immer wie ein weißer Fleck”, sagt die Schwedin. „Als wir im Internet auf die Seite des Forums und das Bethaus stießen, bekam ich eine Gänsehaut.” Stolz und dankbar sind sie beide, „dass das Haus unserer Eltern einen so würdigen Inhalt gefunden hat.”

Fast scheint es, als entdecken sie bei ihrem dreitägigen Besuch in Freren ein Stück eigener Identität wieder. Beim Spaziergang durch die Stadt saugen sie die Hinweise von Lothar Kuhrts richtig auf. Machen Fotos von der ehemaligen jüdischen Schlachterei, vom Gedenkstein und natürlich vom Bethaus. Langsam steigen sie mit den anderen Gästen die alte Holztreppe hinauf – über die Stufen, über die einst auch ihre Eltern liefen. Schweigend schauen sie aus dem Fenster, aus dem die Nazis vor 65 Jahren das Mobiliar warfen.

„Das ist ein denkwürdiger Moment”, sagt Reinhold Hoffmann. Und zur Bestätigung nicken viele der anderen Gäste. Er hat ein besonderes Geschenk für die Geschwister Manne: einen Schlüssel zum Bethaus, „damit Sie immer herkommen können.” Eva Manne will ihn in die silberne Schachtel ihrer Mutter legen, jetzt mit froher Erinnerung an Freren denken und „gerne zurückkommen.”

Weitere Infos über das Bethaus im Internet unter: www. judentum-christentum.de

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