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Freren (to) – Das große Schild vor der Baustelle in der Grulandstraße in Freren verrät, dass hier das ehemalige jüdische Bethaus saniert wird. Das um 1800 erbaute Gebäude stand fast 100 Jahre im Mittelpunkt der Frerener und Lengericher Juden. Das älteste erhaltene Bethaus im Emsland steht unter Denkmalschutz und wird zurzeit in ein Zentrum der Begegnung, der Besinnung und des Gebetes umgebaut. Die Handwerker kommen gut voran: Am Dienstag, 3. Juni, wird Richtfest gefeiert.

kirchenbote1-6-03An diesem Vormittag wird über das Haus ein 130 Meter langer, gemalter Regenbogen von der katholischen Bücherei zur evangelischen Kirche gespannt. „Damit wollen wir auf die symbolische Lage des Bethauses als Wurzel des Glaubens zwischen den beiden christlichen Einrichtungen hinweisen”, sagt Reinhold Hoffmann, Vorsitzender des Forums Juden-Christen. Der „Regenbogen” wurde von Kindern und Jugendlichen der Kindergärten „Regenbogen” und St. Vitus in Freren, den Grundschulen Freren, Andervenne, Beesten, Messingen, Thuine, der Paul-MoorSchule, Franziskus-DemannSchule und der Realschule in Freren sowie der Antoniusschule in Thuine gestaltet. Dafür wurde eine weiße Siloplane in elf schmale Streifen zerschnitten und von beiden Seiten bemalt. Die beteiligten Schulen und Kindergärten sind zum Richtfest eingeladen und werden es auch musikalisch mitgestalten.

Mit diesem etwas anderen Richtfest wird schon jetzt ein Zeichen für die künftige Nutzung des Hauses gesetzt. Reinhold Hoffmann sagt: „Hier soll ein Solidaritätsbeitrag für die Gesellschaft geschaffen werden. Wir wollen das Haus mit Leben füllen und damit einen Raum schaffen, in dem Juden und Christen einander vorurteilsfrei begegnen.” Die vom Forum initiierte Sanierung des Bethauses wird von vielen Seiten unterstützt. „Die Spuren jüdischer Geschichte im Emsland sind sehr dünn, weil hier nie viele Juden gelebt haben. Wegen der dunklen Vergangenheit ist es um so wichtiger, den Spuren nachzugehen”, sagt Kreisarchivar Heiner Schüpp, der dieses Projekt seitens des Landkreises Emsland begleitet.

Das Haus legt nicht nur als Bauwerk Zeugnis ab. „ In der Holzbalkendecke fanden wir rund 400 Dokumente, die aus dem Ersten Weltkrieg stammen, darunter zahlreiche Briefe von Benno Schwarz”, berichtet Architekt Eberhard Dreyer. Benno Schwarz war der Vater von Erika Manne, nach deren in Auschwitz ermordetem Sohn Samuel die jüdische Geschichtswerkstatt in der Alten Molkerei in Freren benannt ist. Die Mannes waren die letzten jüdischen Bewohner des Hauses. Somit sind diese Briefe besonders für den Leiter der jüdischen Geschichtswerkstatt, Lothar Kuhrts, von unschätzbarer Bedeutung. Kuhrts erforscht seit Jahrzehnten die Geschichte der Juden im Emsland, und die Sanierung des Bethauses sieht er als einen wichtigen Beitrag zu deren Aufarbeitung.

„Dass wir das Projekt angesichts der leeren Kassen durchführen können, ist ein kleines Wunder”, meint Reinhold Hoffmann. Zur Verwirklichung des Konzeptes werden ca. 379 000 Euro benötigt. Nachdem die Jüdische Gemeinde Osnabrück das Haus für 60 000 Euro erworben und 10 000 Euro zusätzlich bereitstellte, reichen die Mittel verschiedener Sponsoren für die Sanierung. Für weitere Arbeiten und die Ausstattung des Bethauses fehlen noch 115 000 Euro.

Infos über das Projekt und den Spendenstand unter: www.judentum-christentum.de

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