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Tränen flossen beim hebräischen Totengebet für die Eheleute Wolff

Lingen (pe)
Der hebräische Totengesang von Rabbiner Marc Stern auf dem jüdischen Friedhof in Lingen ging den Zuhörern unter die Haut, einige hatten Tränen in den Augen. Nicht nur deswegen, weil die für sie fremde Sprache des Rabbiners von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück noch über einen Lautsprecher verstärkt über den Friedhof hallte. Das Totengebet am Gedenkstein für Jakob und Emma Wolff hatte am Donnerstagabend seine Wirkung vor allem darin, daß die einzigen für die Teilnehmer verständlichen Worte die Namen von Konzentrationslagern und Gettos waren: Auschwitz, Majdanek, Stutthof, Riga…

Die Feier zur Steinsetzung des letzten Synagogenvorstehers der jüdischen Gemeinde Lingens und seiner in Auschwitz ermordeten Ehefrau bildete einen würdigen Abschluß der Ausstellung „Verfolgt-Deportiert-Ermordet”, die noch bis zum morgigen Sonntag im Lingener Emslandmuseum zu sehen ist.

Der Arbeitskreis Judentum-Christentum habe im vergangenen Herbst im Zusammenhang mit der Restaurierung dieses Friedhofs die Idee gehabt, einen Gedenkstein für Jakob und Emma Wolff aufzustellen, sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises, Pastor Wolfgang Becker, einleitend. „Unsere Motive dabei waren, Jakob Wolff, der Anfang April 1941 unter unwürdigen Umständen auf diesem Friedhof bei Nacht und Nebel beerdigt wurde, und Emma Wolff, die ohne Grab geblieben ist, ein ehrendes Andenken zu errichten.” Zu diesem Zwecke habe der Arbeitskreis die Lingener Bevölkerung und speziell die christlichen Gemeinden zu Spenden aufgerufen. „Es ist alles gut geworden”, sagte Becker mit Blick auf den Stein für die beiden Eheleute, deren Biographie durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine so leidvolle Wendung genommen hatte.

Darauf wies Anne Scherger in ihrem Vortrag hin, der das Leben von Jakob und Emma Wolff noch einmal in Erinnerung rief. Emma Wolff, deren Weißwarengeschäft „ „Geschwister Eisenstein” am Markt 1 allen Lingenern gut bekannt war, mußte miterleben, wir ihr Mann in der Pogromnacht am 9. November 1938 nach der Zerstörung der Lingener Synagoge verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt wurde. Seit 1925 war Jakob Wolff Synagogenvorsteher, hatte diese selbst geputzt und gepflegt. Nun stand er vor deren Trümmerhaufen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Am 4. April 1941 starb Wolff im Alter von 63 Jahren. Emma Wolff wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Im Herbst des gleichen Jahres begannen die Deportationen nach Auschwitz. Mit großer Wahrscheinlichkeit war auch Emma Wolff unter den 18000 alten jüdischen Menschen, die in das Vernichtungslager gekarrt wurden. „Verschollen in Auschwitz”, heißt es in den Akten. „Wir wissen heute, was das bedeutet: Ermordung in der Gaskammer und Bestattung in der Anonymität eines Massengrabes”, sagte Anne Scherger. Nun sei Emma Wolff aber der Anonymität entrissen worden, denn ihr Name stehe mit auf dem Grabstein ihres auf diesem Friedhof begrabenen Mannes. „Emma Wolff hatte keine Möglichkeit, für ihren Mann einen Grabstein aufzustellen. Das haben wir jetzt nachgeholt – nach 55 Jahren.”

Lingens Erster Bürgermeister Benedikt Wilbers dankte dem Arbeitskreis Judentum-Christentum für dessen Bemühen, die Erinnerung an die jüdische Gemeinde in der Stadt wachzuhalten. Niemals dürften die Verbrechen der Nazidiktatur als Vergangenes zu den Akten gelegt werden. Der Schmerz lebe weiter. „Und dieser Schmerz muß immer wieder ausgesprochen werden. Das ist die einzige Hoffnung darauf, daß eine derartige Mißachtung und Mißhandlung von Menschen nicht wieder vorkommt.”

Sie danke allen, die diesen guten Leuten die Ehre erwiesen, die ihnen gebühre, sagte Ruth Foster, geborene Heilbronn, am Gedenkstein für Jakob und Emma Wolff. Die Überlebende des Holocaust kann sich noch gut an das Ehepaar erinnern, „das ein Teil unserer Kindheit war”. Beide seien gute Bürger und gläubige Juden gewesen. „Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen, Schalom”.

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