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Holocaustüberlebende erzählt Schülern aus ihrem Leben

Lingen (jg)
827. Auf diese Nummer wurde Hella Wertheim etwa ein halbes Jahr lang reduziert. Während dieser Zeit war sie gefangen im KZ Lenzing in Österreich. Jetzt berichtete sie auf Einladung des Forums Juden-Christen Schülern der Gesamtschule Emsland von den grausamen Erfahrungen, die sie im Alter von 14 bis 17 Jahren machen musste.

h_wertheimIn der Aula der Gesamtschule hingen rund 60 Schüler des neunten Jahrgangs gebannt an den Lippen der 73-jährigen, die sie teilhaben ließ an ihrer dreijährigen Odyssee durch Europa, die sie von ihrem Geburtsort Insterburg in Ostpreußen schließlich nach Gildehaus in der Grafschaft Bentheim führte, wo sie heute lebt.

Geboren und aufgewachsen in Insterburg, wurde Frau Wertheim mit ihren Eltern im August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo ihr Vater am zweiten Jahrestag ihrer Ankunft starb. Von Theresienstadt ging es am 14. Oktober 1944 für Mutter und Tochter nach Auschwitz, wo Frau Wertheims Mutter vom SS-Arzt Dr. Josef Mengele direkt nach ihrer Ankunft in den Tod geschickt wurde. Die Zeitzeugin wurde von hier mit anderen Frauen weiter nach Lenzing in Österreich zum Arbeitseinsatz in einer Zellwoll-Fabrik verbracht. Hier blieb sie bis zu ihrer Befreiung durch die Amerikaner am 5. Mai 1945.

Teilweise erzählte sie frei, teilweise las Frau Wertheim aus ihrem Buch „Immer alles geduldig getragen“. Den Neuntklässlern war anzumerken, wie sehr ihnen die Schilderungen der Zeitzeugin zu Herzen gingen. Besonders deutlich wurde dies, als Frau Wertheim den Schülern ihre grau-blau gestreifte Lagerbekleidung mit der Nummer 827 sowie einen Teller, beides aus dem Lager Lenzing, gab. Interessiert, bedrückt und ein bisschen ehrfurchtsvoll reichten die Schüler die Gegenstände weiter.

Frau Wertheim berichtete sehr detailgetreu und anschaulich von ihren schrecklichen Erlebnissen. So erzählte sie den gebannten Zuhörern von der drangvollen Enge in den Transportwaggons und den Einzelheiten des Lagerlebens, beispielsweise könne sie heute noch nicht die den Anblick der Holzschuhe ertragen, die damals im Lager getragen wurden.

Die Betroffenheit der Schülerinnen und Schüler schlug sich auch in der sich an den Vortrag anschließenden Fragerunde nieder. So wurde die Holocaustüberlebende gefragt, was ihr die Kraft gegeben habe, sich nach dem Verlust ihrer Eltern noch weiter ans Leben zu klammern. Ebenso wurden ihr Fragen zu ihrer Meinung über den aufflammenden Nationalsozialismus und den Krieg im Irak gestellt. Genauso wurde Frau Wertheim aber nach ganz konkreten Dingen gefragt, etwa wie lange die Transporte gedauert hätten oder wie lange der Fußweg vom Lager Lenzing zur Zellwoll-Fabrik, in der sie und andere weibliche Mithäftlinge täglich arbeiten mussten, gewesen sei.

Am Ende der Veranstaltung verließen viele der Schüler die Aula sehr nachdenklich. Schließlich war Frau Wertheim zum Zeitpunkt, als sich die geschilderten Ereignisse zutrugen, ebenso alt wie ihr Publikum. „Ich kann mir jetzt wirklich vorstellen, wie es damals war, viel besser als im Geschichtsunterricht“, sagte die 16-jährige Axana Harwart. Und die 15-jährige Carmen Pullmann ergänzte, es wäre „richtig lebendig“ gewesen.

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