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Als die Besuchergruppe aus dem Altkreis Lingen das Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Osnabrück betrat, sahen die Gäste, wie Kinder an Tischen malten: ein Zeichen für eine lebendige Gemeinde.

Auf Einladung des Forums Juden-Christen Altkreis Lingen e.V. fuhren 15 Interessierte unter Leitung von Schriftführer Heiner Schüpp nach Osnabrück, um sich in der Synagoge zu informieren und das Felix-Nussbaum-Haus zu besuchen.

Kompetent und anschaulich gab Lea Mor vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde einen Überblick über das jüdische Leben und beantwortete alle Fragen. Die Jüdische Gemeinde ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und wird vom Staat finanziell unterstützt.

Die in den Jahren 1906/1907 erbaute alte Synagoge befand sich in Nähe des Heger Tors und war ein Schmuckstück der Stadt. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie zerstört. Die Gymnasiallehrerin: „Damals umfasste die Jüdische Gemeinde etwa 500 Menschen. Die meisten von ihnen wurden während der Nazizeit ermordet, ein Teil emigrierte. Nach dem Krieg kam nur eine Hand voll Juden zurück.“

Zum Bedauern der Jüdischen Gemeinde wurde auf dem Gelände der alten Synagoge, das nach dem Krieg als Parkplatz für die Bezirksregierung genutzt wurde, kein Neubau verwirklicht. Die öffentliche Hand stellte stattdessen ein Grundstück in Nähe der Illoshöhe (Adresse: In der Barlage 43) zur Verfügung. 1967 wurde die neue Synagoge der Gemeinde übergeben.

Das Einzugsgebiet der Jüdischen Gemeinde umfasst den alten Regierungsbezirk Osnabrück, das sind die heutigen Landkreise Osnabrück, Emsland und Grafschaft Bentheim.

„Verzeichnete unsere Gemeinde 1989 etwa 60 Mitglieder, so sind es heute rund 1000“, berichtete Frau Mor. Der Grund für die enorme Zunahme: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nahm Deutschland bis heute mehr als 100000 Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion auf, von denen viele dem Antisemitismus in ihren Heimatländern entkommen wollten. In der Bundesrepublik wurden diese Kontingentflüchtlinge auf die einzelnen jüdischen Gemeinden verteilt.

Frau Mor zeigte sich zuversichtlich, dass die mit der rasant angestiegenen Mitgliederzahl verbundenen Probleme überwunden werden können. „Zwar gibt es manchmal noch Sprachschwierigkeiten, doch die Jugendlichen lernen schnell Deutsch, und die Älteren geben sich alle Mühe.“

Sie freute sich, dass es ein pulsierendes Gemeindeleben gibt. Neben der religiösen Unterweisung nannte sie Aktivitäten wie Theater, Singen im Chor, Sport und Schach. Zudem gibt es eine Frauen- und eine Seniorengruppe.

Nach den Worten von Frau Mor würde die Jüdische Gemeinde gerne die inzwischen viel zu kleine Synagoge erweitern, doch dazu fehlten leider die öffentlichen Mittel.

Interessierten Nicht-Juden ist es möglich, Gottesdiensten, die auf Hebräisch gehalten werden, beizuwohnen. Sie dauern zwischen 45 Minuten und zweieinhalb Stunden. Es war ein bewegender Augenblick, als Frau Mor eine Thorarolle, Herzstück der jüdischen Religion, vor den Augen der Besucher ausbreitete.

Anschließend nahmen die Gäste an einer Führung durch das 1998 fertiggestellte Felix-Nussbaum-Haus beim Heger Tor teil. Die Architektur von Daniel Libeskind und die ausgestellten Werke des Malers verschmelzen sich auf beklemmende Weise zu einer Symbiose. Der jüdische Künstler wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Zur Besuchergruppe gehörte auch Religionslehrerin Angela Prenger aus Emsbüren. Sie unterrichtet an einer Grundschule in Mesum und möchte mit einer vierten Klasse das Felix-Nussbaum-Haus besuchen. Für den früheren Gymnasiallehrer Rolf Grunewaldt aus Lingen stand schon vor der Fahrt fest, dass er dem Forum Juden-Christen beitreten wird, „weil dessen Arbeit wichtig ist.“ Heiner Schüpp empfand die Fahrt als sehr informativ.

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