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,,Auschwitz Teil des Menschen” – Jugend engagierte sich

Von Thomas Pertz

Lingen
Ein kalter Wind wehte am Montagmorgen über den jüdischen Friedhof an der Weidestraße in Lingen. Fröstelnd zogen sich die Besucher ihre Mäntel über. Der 27. Januar, Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 52 Jahren, ist in diesem Augenblick kein Tag zum Fröhlichsein, und das soll er auch nicht.

Über den Friedhof, dessen alter Baumbestand die Würde dieses heiligen Ortes noch unterstreicht, führte Anne Scherger vom Arbeitskreis Judentum-Christentum den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlins, Jerzy Kanal, und die übrigen Besucher. Der Arbeitskreis hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Lingen in Erinnerung zu halten und dies in der Vergangenheit auf vielfältige Art und Weise deutlich gemacht.

Die gepflegte Erscheinung des Friedhofes, der im Jahre 1734 zum ersten Mal erwähnt wurde und vor einigen Jahren nicht nur dem Zahn der Zeit, sondern auch der Zerstörungswut von Unbelehrbaren zum Opfer zu fallen drohte, ist dem Einsatz des Arbeitskreises zu verdanken. Auf landesweites Interesse stieß im vergangenen Jahr seine Ausstellung ,,Verfolgt- emigriert-ermordet” über das Schicksal von Lingener Juden zwischen 1939 und 1945.

Jerzy Kanal zeigte sich sehr beeindruckt von den Ausführungen Ruth Schergers auf dem Friedhof. Entscheidend sei, daß das Wissen des Arbeitskreises und die daraus resultierende Verpflichtung, das Geschehen in Erinnerung zu halten, auch an jüngere Menschen weitergegeben werde, betonte der 75jährige.

Mehrere hundert Menschen begrüßten Kanal anschließend bei der Holocaustgedenkveranstaltung auf der Wilhelmshöhe mit warmherzigem Applaus. Dem 75jährigen war es überaus wichtig gewesen, nach Lingen zu kommen. Der Berliner hatte sich vor einiger Zeit bei einem Unfall einen Arm und mehrere Rippen gebrochen und trug den linken Unterarm in einer Schlinge. Kanal wollte es aber offensichtlich nicht zulassen, daß äußere Verletzungen ihn daran hindern sollten, in Lingen von seinen inneren Verletzungen zu erzählen.

Er habe Auschwitz nicht überlebt, um zu Unrecht zu schweigen, zitierte Kanal in seiner Rede den verstorbenen Amtsvorgänger Heinz Galinski. ,,Wir tragen unsere Leidenserfahrung als eine Mahnung in uns und fühlen die Verpflichtung, eine solche Erfahrung jedem heute oder in der Zukunft lebenden Menschen zu ersparen”.

Die Opfer des Nationalsozialismus seien nicht nur Juden und der Ort der Verbrechen nicht nur Auschwitz gewesen, sagte Kanal. Aber beide Begriffe seien ein Synonym für die unvorstellbaren, menschenverachtenden und tödlichen Gewalttaten der Nationalsozialisten. ,,Als ehemaliger Auschwitzhäftling erlaube ich mir, Ihnen folgendes zu sagen: Auschwitzhäftlinge haben nicht nur das für jeden sichtbare Zeichen einer Tätowierung am linken Unterarm. Auschwitz ist ein Teil des Menschen, der es überlebt hat. Es beeinflußt sein Tun und begleitet ihn bis ans Ende seiner Tage.”

Der jüngeren Generation sagte er, daß es im Zusammenhang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus nicht um eine Schuldfrage gehe. Menschen, die zum Zeitpunkt der Verbrechen noch nicht geboren waren, könnten nicht die Schuld für diese Taten tragen. ,,Ihre Verantwortung besteht allerdings darin, all ihre Kraft einzusetzen und dafür Sorge zu tragen, daß in diesem Lande die demokratische Entwicklung und die Beachtung von Menschenrechten weiterhin gesichert werden”, unterstrich Kanal.

Abschließend forderte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins die auf der Wilhelmshöhe ebenfalls anwesenden jugendlichen Zuhörer auf, im demokratischem Selbstbewußtsein dafür zu arbeiten, daß die Erinnerung an die Vergangenheit wachbleibe und sich die Greueltaten nicht wiederholten. ,,Treten Sie jedem auch noch so kleinem Anzeichen von Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus entschieden entgegen und kämpfen Sie für die demokratischen Grundsätze, die unerläßlich sind für ein freies und friedliches Miteinander.”

Es wird Jerzy Kanal gefreut haben, daß sich im Vorfeld dieses Holocaustgedenktages in Lingen auch Schüler aus der Stadt intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. So erinnerten Eike Hoff und Sebastian Alke, Schüler der Marienschule, an die ,,Notgemeinschaft Lingen 1931″, einer Hilfsaktion am Ende der Weimarer Republik, in der sich auch der Lingener Synagogenvorsteher Jacob Wolff engagierte. Marina Kramer, Monika Moss, Daniela Helmer und Katrin Schauer von der Friedensschule lasen die Erzählung ,,Reise ohne Wiederkehr” vor.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines 15jährigen Jungen, der nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wird. Vielleicht war es der Junge, den Jerzy Kanal während seiner Leidenszeit in dem Konzentrationslager gesehen hat, als ein Jugendlicher, den Tod in der Gaskammer vor Augen, auf der Ladefläche eines abfahrbereiten Lkw stand, die Hand zur Faust hob und ihm zurief: ,,Ich bin stolz darauf, ein Jude zu sein.”

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