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Gertrud Anne Scherger zeichnete Leidenswege jüdischer Mitbürger nach

Von Thomas Pertz

Die Zahl der jüdischen Bürger, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen, sprengt jedes menschliche Vorstellungsvermögen. Kein Mensch kann sich Millionen Tote vorstellen – gefoltert, vergast, erschossen. Die Gefahr ist deshalb groß, daß die Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, in dem Maße abnimmt, wie das Grauen wächst, bis es nicht mehr darstellbare Dimensionen erreicht. Aber was ist, wenn die Opfer aus der Nachbarschaft kamen, aus der Marienstraße, Lookenstraße oder Kaiserstraße? In der Transformation des Unfaßbaren hinein ins private Umfeld liegt die besondere Leistung von Gertrud Anne Scherger. ,,Verfolgt und Ermordet” ist der Titel ihres Beitrages zur Verfolgungsgeschichte der Juden aus dem Raum Lingen, der ab heute im Buchhandel erhältlich ist.

Mit der Arbeit der Lingenerin, Mitglied im Arbeitskreis Judentum-Christentum, über die Leidenswege jüdischer Bürger in der Emigration, während der Deportation, im Ghetto und in den Konzentrationslagern, schließt sich ein Kreis. 1991 hatten Gertrud Anne Scherger und Anne-Dore Jakob (Pax Christi Gruppe Lingen) in der Ausstellung ,,Verfolgt – deportiert – ermordet, Deportationen nach Riga und Theresienstadt” Lingener Familien jüdischen Glaubens aus der Anonymität der millionenfachen Vernichtung herausgehoben und ,,sichtbar” gemacht. Das Gleiche gelang ihnen fünf Jahre später mit der Darstellung von Emigrantenschicksalen jüdischer Mitbürger aus Lingen.

Die am heutigen Freitag um 17 Uhr im Emslandmuseum vorgestellte Dokumentation ,,Verfolgt und ermordet” ist eine durch Gespräche mit Zeitzeugen, Fotos und Dokumente laufend ergänzte Zusammenfassung dieser Ausstellungen – aber nicht durch die Brille des akademischen Oberrates gesehen. Bestrebungen der Schulen, bei der Behandlung des Holocausts im Unterrichts verstärkt die Regionalgeschichte heranzuziehen, möchte die 63jährige pensionierte Lehrerin mit ihrer Arbeit unterstützen. Die Dokumentation ist deshalb verständlich geschrieben, damit der Inhalt ohne große Schwierigkeiten nachvollziehbar wird.

Der große Wert der Arbeit von Gertrud Anne Scherger liegt auch darin, daß sie das Brennglas ihrer Forschung nicht ausschließlich auf jene Jahre von 1933 bis 1945 hält, die zur Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Lingen führten. In ihrer Darstellung der ersten Spuren jüdischen Lebens im Lingener Raum, die sich bereits Anfang des 18. Jahrhunderts finden lassen, beschreibt sie die tiefe Verwurzelung der Glaubensgemeinschaft in der Kommune. Auch ihre Erläuterungen zur Religionsausübung der aus 14 Familien bestehenden jüdischen Gemeinde sind wichtig, weil Vorurteile nicht zuletzt das Resultat von Wissenslücken sind, die die Pädagogin schließen will.

Vor dem Auge des Lesers werden diese Väter und Mütter mit ihren Kindern wieder lebendig: die Cohens, Markreichs und Hanauers. Die Autorin zeichnet ihre Leidenswege einfühlsam nach, bewahrt den Leser nicht vor der Vorstellung jener unsäglichen Schmerzen, die die heute in den USA lebende 72jährige Leonie Hanauer spüren muß, wenn sie an ihre verlorene Heimatstadt Lingen denkt: ihre Brüder Eduard, Günther und Kurt wurden in Auschwitz getötet, ebenso wie ihre Eltern Hermann und Elsa.

So ist denn die Broschüre von Gertrud Anne Scherger neben vielem anderen vor allem auch dies: eine Aufforderung zur Wachsamkeit, zur bürgerlichen Zivilcourage, wenn am Stammtisch oder sonst wo wieder einer Ausgrenzung von ,,Fremden” das Wort geredet wird.

,,Verfolgt und ermordet”, Lingen 1998, 120 Seiten, 19.80 DM, erhältlich bei Bücher Holzberg, van Acken, ,,Buchladen im Rathaus”, Zauberberg und Bücherinsel im Multistore.

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