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In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten auch im Emsland die Synagogen, wurden jüdische Beträume zerstört, jüdische Bürger misshandelt, verhaftet. Aus Anlass des 70. Jahrestages dieses Pogroms fand am 9. November 2008 ein besonderer Gedenkgottesdienst in der Gemeinde Maria Königin in Lingen statt. In diesem Rahmen hat Dr. Peter Hertel, ehemaliger Kirchenfunkredakteur des NDR, einen eindrucksvollen Vortrag gehalten. Auf vielfachen Wunsch wird der Text hier veröffentlicht. Das Forum Juden Christen dankt Dr. Hertel für seine Bereitschaft, den Text zur Verfügung zu stellen. 

DIE FRIEDENSFÄHIGKEIT DER RELIGION

Anmerkungen zur Diskussion über die Karfreitagsfürbitten

von Dr. Peter Hertel

Am Dienstag war es 50 Jahre her, dass Kardinal Angelo Guiseppe Roncalli zum Papst gekrönt wurde. Er wählte den Namen „Johannes XXIII.“ Als gütiger, menschenfreundlicher Papst ging er in die katholische Kirchengeschichte ein, aber auch in die Menschheitsgeschichte, geachtet und geschätzt auch von Nichtkatholiken. Er war ein Reformpapst, der u.a. eine neue Epoche im Verhältnis zwischen seiner Kirche und den Juden einleitete. Deshalb und anlässlich dieses 50jährigen Jubiläums es ist sicherlich genehm, mit einer Anekdote über ihn zu beginnen.

Als er noch Angelo Roncalli war und als Apostolischer Nuntius in Frankreich wirkte, lernte er bei einem diplomatischen Empfang den Oberrabbiner von Paris kennen. In dem langen Gespräch glühten wechselseitig viele menschliche Sympathien auf. Als schließlich zu Tisch gebeten wurde, standen die beiden – immer noch im angeregten Gespräch – plötzlich Seite an Seite vor der Durchgangstür zum Speisesaal. Da schob Nuntius Roncalli den Oberrabbiner sanft durch die Flügeltür und sagte dabei: „Das Alte vor dem Neuen Testament.“

Das war, scheint mir, mehr als eine schöne Geste. So etwas sagt ein Christ aus einer Einstellung heraus, in der er das Judentum als vollwertig anerkennt. Roncalli leugnete damit nicht die Unterschiede zwischen Christentum und Judentum; er war nie bestrebt, sie zu übertünchen oder gar aufzuheben, aber er sah seinen Gesprächspartner als gleichwertig an und respektierte seinen Glauben. Das war, zumal in den Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, für viele Christen, nicht zuletzt für Katholiken, höchst ungewöhnlich. Über innerkirchliche und kirchenpolitische Auseinandersetzungen hinweg waren sich fast 2000 Jahre lang alle einig gewesen im Hass auf die Juden: Kirchenführer und Politiker, Kaiser von Byzanz und die alte Kirche ebenso wie Päpste, der spätere Martin Luther und die christlichen Kirchen bis ins 20. Jahrhundert hinein. Im christlichen Bewusstsein waren Juden die Unterlegenen, sie waren zu missionieren und zu taufen, ihre Religion war dazu bestimmt zu verschwinden, so dass die Christen als die Erben einer ermordeten jüdischen Welt übrig bleiben würden.

Der große deutsche Dichter und Theologe Friedrich Nietzsche hat darauf hingewiesen, die Überführung der hebräischen Bibel, des sog. Alten Testaments, in das Christentum sei sein größter Beutezug gewesen, angelegt auf den Sieg über das Judentum.

Dahinter stand die christliche Überzeugung: Nur jemand, der an Jesus Christus glaubt, kann gerettet werden. Wer verblendet oder gar unbußfertig ist, darf zu seinem Heil gezwungen werden. Die Inquisition ging noch einen Schritt weiter: Wer das nicht einsehen kann, darf von den Besserwissenden und Einsichtigen zu seinem Glück gezwungen werden. Wenn er dann immer noch verstockt bleibt, darf er ausgeschlossen oder gleich mit dem Tode bestraft werden.

Einen markanten Wendepunkt setzte das Zweite Vatikanische Konzil, das von Johannes XXIII. für die katholische Weltkirche einberufen worden war. Nun erschien – um es vorwegzunehmen – der jüdische Weg ebenso als ein Weg zum Heil wie der christliche. Missionierung, christliche Mission an den Juden, kurz: Judenmission genannt war überflüssig. Dem Judentum wurde seine Existenzberechtigung nicht bestritten. Es wurde in seiner Eigenart respektiert. Sein Lebensrecht wurde anerkannt.

Aber nicht alle Christen mochten sich auf diese Neuorientierung einlassen. Heute müssen wir fragen, ob die Judenmission zurückkommt. Den spektakulären Anlass zu dieser Befürchtung hat ein Nachfolger Johannes’ XXIII. geliefert: Papst Benedikt XVI., und zwar mit einer Fürbitte in der katholischen Karfreitagsliturgie. Sie löste weltweit Entsetzen aus. In scharfem Ton warf Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, der obersten katholischen Chefetage in Rom vor, sie betreibe eine subtile Aufforderung zur Judenmission. Die jüdische Präsidentin nennt das Gebet brüskierend, überheblich und einen deutlichen Rückschritt im christlich-jüdischen Dialog.

Nicht zuletzt in Deutschland, dem Land der Shoa ist das Thema Judenmission ausgesprochen sensibel. Der christliche Antisemitismus ist eine Wurzel der Shoa, des Holocaust. Gern griffen die Nazis theologische Vorwürfe gegen die Juden auf, um das deutsche Volk auf die sog. Endlösung der Judenfrage einzustimmen. Dieser alte christliche Antisemitismus hatte die Missionierung der Juden als ein vorrangiges Ziel.

Die Juden, ihre Bekehrung zu Jesus Christus und damit das Ende des Judentums – eine lange, schmerzende Geschichte, tief in das kollektive Gedächtnis des jüdischen Volkes eingegraben: die Erinnerung an Pogrome zu Karfreitag und an Übertritte, mit Schwert und Zwangstaufe erzwungen. Das Kreuz, das zentrale Symbol des christlichen Glaubens, wurde den Juden zum Zeichen der Intoleranz und Arroganz, ja, mörderischer Verfolgung.

Als intern bereits bekannt war, dass der Vatikan die alte sog. tridentinische, Liturgie mit der judenfeindlichen Karfreitagsbitte neu beleben wolle, beschwor Rabbiner Henry Brandt, der Vorsitzende der deutschen Allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland und jüdische Präsident des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, den deutschen Kardinal Kasper – er ist im Vatikan u.a. für den Dialog mit den Juden zuständig -: Herr Kardinal,… besonders in Deutschland [ist] die Mission an Juden ein rotes Tuch. Insbesondere hier ist jede Idee, jeder Anflug der Möglichkeit einer Judenmission quasi ein feindlicher Akt, eine Fortsetzung der Untaten Hitlers den Juden gegenüber auf anderer Ebene.

Genutzt hat es nichts, die alte Karfreitagsbitte zur Bekehrung der Juden wurde trotzdem restauriert. Der Aufschrei der Präsidentin Knobloch und des Rabbiner-Vorsitzenden Brandt, der sonst eher zurückhaltend reagiert, deuten an: die Nerven liegen blank. Kein Zweifel, der Religionsfriede, ein hohes öffentliches Gut in diesem Land, ist durch die päpstliche Karfreitagsbitte beschädigt worden. Erschwerend kommt hinzu, dass inzwischen auch die evangelische Seite einbezogen ist. Der genannte Koordinierungsrat jedenfalls hält der obersten Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor, auch sie gebe die Absage jeglicher judenmissionarischer Aktivitäten auf.

Worum geht es eigentlich in diesem Konflikt? Ich möchte ihn – aus christlicher Sicht – in zwei Thesen fassen, auch wenn sie in der notwendigen Kürze sicherlich angreifbar sind:

Erste These: Mit Jesus Christus hat sich die jüdische Religion vollendet. Sie hat, als Vorstufe des Christentums, seit Christus ihren Zweck erfüllt. Juden können nur noch zum Heil gelangen, wenn sie Jesus als den Messias anerkennen und sich zu ihm bekehren. Das Judentum geht im Christentum auf.

These zwei: Die Treue der Juden zu ihrem Bund mit Gott ist ihr Weg zum Heil. Das Judentum hat seine Existenzberechtigung – wie das Christentum. Damit streichen Christen zwar nicht, dass Christus das Heil der ganzen Welt, einschließlich der Juden, bewirkt. Aber die Juden, die in der Treue zu Gottes Bund und in der Liebe zu seinem Namen leben, sind bereits auf dem Weg des Heils. Deshalb müssen Christen sich um das Heil der Juden nicht kümmern. Folglich entfällt auch die Missionierung.

Beide Thesen haben Theologen aus der Bibel und aus der kirchlichen Tradition begründet, wobei ich jetzt die Klimmzüge, die teilweise dazu notwendig waren, nicht behandle. Beide Thesen unterscheiden sich indes grundlegend voneinander. Die erste bestreitet der jüdischen Religion letztlich ihre Existenzberechtigung, die zweite dagegen nicht. Nur die zweite, die das Judentum voll anerkennt, dient dem Religionsfrieden. Die erste erklärt die Christen zu Siegern über die Juden; die zweite respektiert die Eigenständigkeit des Judentums und sein Lebensrecht.

Ich möchte den Hintergrund des Konfliktes näher beleuchten:

Die feindlichen Kampagnen gegen das Judentum, auf der Basis der ersten These, begannen schon im römischen Reich, nachdem das Christentum die Staatsreligion geworden war. Seit Ende des 4.Jahrhunderts mehrten sich die Versuche der Kirche, durch Zerstörung der Synagogen, Vertreibung und Zwangstaufen das Judentum gewaltsam zu unterdrücken. Das geschah vor allem in Zeiten, in denen Könige und politische Herrscher ihr Land einen wollten. Ein Gebiet mit einer Staatsreligion, nur eine Religion hat Lebensrecht. Da wurden die Juden zu Fremdkörpern, die aus dem Volkskörper zu eliminieren waren – und die Kirche lieferte die entsprechende Ideologie.

Theologie und Politik, Kirchen und Staat, sind in dieser Sache also eng verwoben. Das lässt sich anschaulich an Spanien belegen, das ich jetzt als Beispiel herausstelle.

Normalerweise wird mit Lobesworten nicht gespart, wenn von maurischen Moslems, Juden und Christen in Spanien die Rede ist. Die Religionen hätten friedlich, ja geschwisterlich nebeneinander gelebt und eine reiche Kultur entwickelt – bis zu jener verhängnisvollen Epoche, als die sog. katholischen Könige nicht nur die Juden, sondern auch die Mauren vertrieben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Voraussetzung für das Zusammenleben der drei monotheistischen Religionen – Judentum, Islam und Christentum – auf der iberischen Halbinsel war die politische Konstellation. Die viel gerühmte Toleranz entsprang weniger der inneren Kraft der drei Religionen, sondern vor allem dem gesellschaftlichen Gleichgewicht, das die politischen Herrscher notgedrungen verwirklichen mussten.

Unter den Westgoten wurden Juden in Spanien unterdrückt und zwangsgetauft. Kein Wunder, dass sie die Mauren im Jahre 711 als Befreier begrüßten. Die arabischen Eroberer, die noch nicht so stark waren, sahen sich auf Juden, aber auch auf Christen angewiesen. Es begann eine 400-jährige Epoche der Toleranz, eine Blütezeit für die Juden. Als jedoch im 12. Jahrhundert die Dynastie der moslemischen Almoraviden an die Macht kam, änderte sich das tolerante Klima grundlegend. Die Almoraviden wollten einen islamischen Einheitsstaat, einen Gottesstaat, errichten. Sie unterdrückten Juden und Christen. Die meisten Juden flohen in die christlichen Königreiche Kastilien, Aragon und Navarra, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden, weil die christlichen Herrscher sie im Kampf gegen die islamischen Mauren brauchten. Nun begann hier eine Blütezeit für die Juden, die den Christen rechtlich sogar weitgehend gleichgestellt wurden. Auch aus anderen, christlichen, Ländern kamen Juden, die dort vertrieben worden waren, ins christliche Spanien.

Doch je sicherer die christliche Herrschaft in Spanien wurde, umso unsicherer wurde die Lage der Juden. 1492 war es dann soweit. Die christlichen Könige hatten den Islam politisch besiegt, die letzten Mauren verließen Grenada, und die Juden wurden nicht mehr gebraucht. Bleiben durfte, wer sich taufen ließ. Sonst musste er mit dem Tode rechnen. Der christliche Einheitsstaat war maurenrein und judenrein.

Eine notwendige Zwischenbemerkung: Kein Volk hat wie die Spanier die Juden ähnlich grausam aus sich entfernt und vernichtet – ausgenommen wir Deutsche während der Nazizeit, wobei festzuhalten ist, dass der Holocaust auch angesichts jener spanischen Greuel, einzigartig bleibt. Auschwitz, der in kalter Perfektion geplante und generalstabsmäßig ausgeführte Völkermord, ist ein singuläres Ereignis in der Menschheitsgeschichte, für alle Zeiten dem deutschen Namen eingebrannt.

Damals, im Mittelalter, haben die politischen Herrscher gern gesehen, dass Theologie und Kirche ihre staatlichen Ziele absicherten. Schon frühzeitig hatte der sonst so tolerante Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos dafür das Fundament gelegt, indem er die Lehre von den Juden als den Gottesmördern anschaulich darlegte:

„Weil ihr Christus getötet habt, weil ihr gegen den Herrn die Hand erhoben habt, weil ihr sein kostbares Blut vergossen habt, deshalb gibt es für euch keine Besserung mehr, keine Verzeihung und auch keine Entschuldigung. Früher habt ihr Moses, Jesaja und Jeremia angegriffen. Nun aber habt ihr alle Untaten in den Schatten gestellt durch die Raserei gegen Christus. Deshalb werdet ihr auch jetzt mehr bestraft. Es ist klar, daß ihr mit dem Mord an Christus ein viel schlimmeres und größeres Verbrechen begangen habt als Kindesmord und jegliche Gesetzesübertretung.“

Zum verheerenden christlichen Vorwurf des Gottesmordes gesellte sich die Überzeugung, dass Juden nur dann vor der Hölle gerettet werden könnten, wenn sie sich taufen ließen und Jesus als Messias anerkennen würden.

Die erste große Massenzwangstaufe hatte bereits im 6.Jahr-hundert stattgefunden, unter Kaiser Justinian. Byzantinische Kaiser ordneten wiederholt die Zwangstaufe an. Aber auch im Bereich der Westkirche geschah Ungeheuerliches. Ein besonders erschreckender Fall ereignete sich während der Kreuzzüge in Regensburg, als die Juden von Kreuzfahrern und Bürgern in die Donau getrieben und gezwungen wurden unterzutauchen. Dann legte man ein Kreuz auf das Wasser und erklärte den Gewaltakt zur Taufe.

Jahrhunderte lang wurde gelehrt, das gesamte jüdische Volk sei schuld am Tode Jesu und deshalb selbst schuld an Verfolgung und Tod; der Fluch ruhe auch auf allen Geschlechtern Israels. Sie müssten sich bekehren.

Das drückte sich zum Beispiel in der Liturgie des Karfreitags aus, als „pro perfidis Judaeis – für die treulosen Juden“ gebetet wurde: „Laßt uns beten für die treulosen Juden, daß auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen.“

An den drei Tagen von Karfreitag bis Ostern, die nicht selten mit dem jüdischen Sederabend und mit Pessach zusammenfielen, entfachten Christen in früheren Jahrhunderten oft Pogrome, weil eben die Juden am Tode Jesu, des Gottessohnes, schuld seien; der Bund sei von den treulosen Juden des Altes Testamentes auf das Bundesvolk des Neuen Testamentes, die christliche Kirche, übergegangen.

Aber dann geschah etwas, was wohl kaum erwartet hatte: Papst Johannes XXIII. war es, der bei einem Karfreitagsgottesdienst auf das Wort „treulos“ verzichtete und es damit kurzerhand aus der Liturgie der katholischen Kirche strich. Und dann wurde bald darauf aus der Karfreitagsfürbitte auch der Missionsgedanke entfernt, der sich darin geäußert hatte, dass auch die Juden „unseren Herrn Jesus Christus“ erkennen sollten. Nun hieß die veränderte Fürbitte schließlich:

„Laßt uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluß sie führen will.“ – Nichts mehr, was an den angeblichen Gottesmord erinnert, keine Mission der Christen an den Juden.

In diesem Gebet fehlt jeder Bezug auf Jesus Christus, erst recht auf die katholische Kirche. Katholiken bitten also – ohne ihren Glauben und ihre Kirche ins Spiel zu bringen – um die Treue der Juden zu ihrem Bund mit Gott.

Also: keine Mission der Christen an den Juden, sondern Respekt vor der jüdischen Religion. Die Juden sind die ersten, zu denen Gott gesprochen hat. Der Weg des jüdischen Volkes ist ebenso ein Heilsweg wie der des christlichen Geschwistervolkes.

Diese Theologie wurde schließlich der Kern der sog. Judenerklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils, jenes Konzils, das Papst Johannes XXIII. gegen starke Widerstände von Kardinälen einberufen hatte.

Die wichtigste Aussage des Konzilstextes über die Juden bezieht sich auf den alten Vorwurf des Gottesmordes. Da steht zunächst: Man darf die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Und dann wird berücksichtigt, dass Jesus nicht von Juden, sondern von Römern gekreuzigt wurde und dass die Kreuzigung ein historisch abgrenzbares Ereignis war. Dazu heißt es: Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heute lebenden Juden zur Last legen.

Hinzukommt, dass die katholische Kirche in einem weiteren Konzilsdokument das Recht des einzelnen auf religiöse Freiheit anerkannt hat. Das war eine zweite bemerkenswerte Kehrtwendung: Die Gewissens- und Religionsfreiheit wurde als ein Recht des einzelnen angesehen, das auf die Würde der menschlichen Person gegründet ist; das also auch derjenige hat, der mit der offiziellen Lehre der Kirche nicht übereinstimmt.

Knapp, mehr ist in dieser halben Stunde leider nicht möglich, halte ich fest: Für die katholische Kirche galt nunmehr die zweite These, die ich vorhin gekennzeichnet habe.

Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich damals in den evangelischen Kirchen. 1980 beschloss die Synode der rheinischen Landeskirche: „Wir glauben, daß Juden und Christen je in ihrer Berufung Zeugen Gottes vor der Welt und voneinander sind. Darum kann die Kirche ihr Zeugnis dem jüdischen Volk gegenüber nicht wie die Mission an der Völkerwelt wahrnehmen.“

Diese Erklärung sagte im Hinblick auf unser Thema in etwa: Wir beenden die Mission an den Juden. Und: die christliche Kirche ist nicht an die Stelle des jüdischen Gottesvolkes getreten. Das Judentum hat seinen Eigenwert, es ist eben nicht Steigbügelhalter für das Christentum.

Das rheinische Dokument ist oft als vorbildlich für die evangelischen Kirchen hingestellt worden. Aber auch weitere evangelische Kirchen, das sei hier angedeutet, gaben ähnliche Erklärungen heraus.

Die Bekehrung der Kirchen, Anfang und Mitte der Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, war nicht ohne inneren Widerstand erfolgt. Mehrere Kardinäle hielten die Aussagen über die Juden für falsch. Der Protest formierte sich und hatte seine Wirkung. 1985, zum 20.Jahrestag der genannten Judenerklärung, publizierte die vatikanische Kommission für religiöse Beziehungen mit den Judenrichtlinien zum Judentum in Predigten und in der Katechese. Darin hieß es, dass sich nur in der katholischen Kirche die ganze Fülle der Heilsmittel finde. Das allein wäre noch kein Auftrag zur Judenmission gewesen. Doch dargelegt wurde auch, dass die Kirche allein der richtige Erlösungsweg sei: Kirche und Judentum können nicht als parallele Wege der Erlösung gesehen werden. Entscheidenden Anteil an der Erarbeitung des Dokuments hatte die Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI.

1992 war Glaubenspräfekt Ratzinger dann federführend für den katholischen Weltkatechismus verantwortlich. Auch darin wird dem Judentum keine eigenständige religiöse Bedeutung zuerkannt, sondern es erscheint – wie ehedem – als Vorstufe des Christentums. Das Judentum wurde wieder zur Folie für das Christentum.

1998 bestätigte Ratzinger seine theologische Einstellung in seinem Buch „Die Vielfalt der Religionen und der eine Bund“: der Bund, den Gott mit dem Volk Israel am Sinai geschlossen hat, so brachte er zum Ausdruck, wird durch den Messias Jesus überhöht. Das Vorläufige, das dieser Sinai-Bund hat, wird mit Jesus abgestreift, und es erscheint die wahre Endgültigkeit des Bundes. Das bedeutet: Ein Heil für Israel ohne seinen Glauben an Jesus Christus gibt es nicht – eine Überzeugung, die Ratzinger auch zum Ende des katholischen Jubiläumsjahres 2000 zum Ausdruck brachte: Lasset uns beten, dass Gott auch den Kindern Israels ein tieferes Wissen von Jesus von Nazaret geben möge.

Der Eklat kam acht Jahre später. Joseph Ratzinger, nun Benedikt XVI., ließ – um traditionellen Katholiken entgegenzukommen, aber gewiss auch aus eigener theologischer Überzeugung – offiziell den Ritus der Messe wieder zu, der vor dem zweiten vatikanischen Reformkonzil gegolten hatte, den sog. tridentinischen. Da steht dann auch die alte Karfreitagsfürbitte, die mit Johannes XXIII. und dem Konzil abgeschafft worden war. Benedikt XVI. formulierte sie nun so:

„Lasset uns beten auch für die Juden, dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Heiland aller Menschen erkennen.“

Als Gegenstück noch einmal die Formulierung im Sinne des zweiten Vatikanischen Konzils: „Laßt uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluß sie führen will.“

Der päpstliche Hoheitsakt bedeutet für die Katholiken: Bis 2008 war die alte Bitte abgeschafft, nun ist sie in katholischen Gottesdiensten wieder möglich. Damit gilt auch die erste These wieder. Dass sie nur bei einer bestimmten Liturgie angewandt wird, ist unerheblich. Entscheidend ist: Die vorkonziliare Karfreitags-Theologie, die vielen katholischen Christen als judenfeindlich erscheint, ist wieder da und kann ganz offiziell wieder benutzt werden. Die Änderung kam nicht von heute auf morgen, sondern wurde schleichend vorbereitet. Zwar stehen zurzeit beide Versionen nebeneinander, auch wenn sie sich eigentlich ausschließen. Aber unterm Strich ergibt sich: die klare Aussage des Konzils ist abgeschwächt. Das ist der Punkt. Und leider ist zu vermuten: wenn die Entwicklung in Rom so weitergeht wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten, könnte die erste These bald wieder die maßgebliche werden.

Denn Papst Benedikt hat die Linie des Glaubenswächters Joseph Ratzinger – nun als authentischer Lehrer – konsequent fortgesetzt. Auf der neuen Basis erläuterte Ende März dann auch der Wiener Kardinal und Benedikt-Intimus Schönborn in der englischen katholischen Zeitschrift The Tablet: Christen können nicht darauf verzichten, das Evangelium auch den Juden zu verkünden. Zwei Wege zum Heil gibt es nicht.

Das ist der Hintergrund für die empörten Reaktionen Knoblochs und Brandts. Die neue katholische Situation ist die geeignet, den Religionsfrieden in unserem Lande zu beeinträchtigen. Aber noch mehr: In der öffentlichen Diskussion wurde bisher praktisch nicht wahrgenommen, dass sich eine ähnliche Entwicklung auf evangelischer Seite zeigt.

1990 erschien in den maßgeblichen protestantischen Kirchen in Deutschland ein Heft unter dem Titel „Christen und Juden – Anregungen zum Gottesdienst“. In der Textvorlage betet die christliche Gemeinde für alle Juden, dass sie Jesus als ihren Messias anerkennen und den einen Gott gemeinsam mit allen Gläubigen anbeten und preisen. Zur gleichen Zeit ergänzte die Evangelische Kirche von Hessen-Nassau die Grundartikel ihrer Kirchenordnung. Diese Kirche zählt zu den fortschrittlichen evangelischen Kirchen in Deutschland. Offiziell lehnt sie Judenmission ab, aber gleichzeitig wurde den Juden ein eigener Weg zum Heil nicht zugebilligt, was letztlich dann doch der Judenmission Vorschub leistet. Eine ähnliche Position nimmt seit 1995 die evangelisch-lutherische Kirche Hannovers ein, die größte deutsche Landeskirche.

Im Jahre 2000 distanzierte sich die Evangelische Kirche in Deutschland zwar von jeder Judenmission, aber nicht grundsätzlich, sondern nur einschränkend, nämlich angesichts der Schuld, den deutsche Christen angesichts des Holocaust auf sich geladen haben und angesichts ihres Umgangs mit eigenen Mitgliedern im Holocaust. In ihrer dritten Studie „Christen und Juden“ befand sie wörtlich: Eine Kirche, die sich nicht mit allen ihr verfügbaren Mitteln in der Zeit tödlicher Bedrohung vor ihre getauften Glieder jüdischer Herkunft gestellt hat, hat schwerlich die Vollmacht zur Judenmission. – Mehr nicht. Judenmission wurde also nicht grundsätzlich abgelehnt.

Im April 2008 bezog sich darauf der Präsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland, der EKD: Die EKD habe sich deutlich von jeder Judenmission verabschiedet – und zwar angesichts der Shoa; doch, so habe ich eben dargelegt, nicht prinzipiell. So konnte Präsident Barth dann auch einschränken, und zwar anlässlich des Christivals in Bremen, auf dem auch Judenmissionare auftraten: Es bleibt aber unter uns strittig, ob es auch ein falscher Weg war und ist, Juden für den Glauben an Jesus Christus zu gewinnen; denn der Missionsauftrag gilt allen Menschen. Und klar sagte er für die EKD: Ein eigener Heilsweg wird nicht vertreten. In einem Brief an Barth protestierte daraufhin der schon mehrfach genannte Koordinierungsrat: Wir bedauern, … dass auch die EKD meint, evangelikale und konservative Gruppen wie das Christival hofieren zu müssen, indem sie klare theologische Aussagen zur Unverbrüchlichkeit des Bundes Gottes mit Israel und die damit verbundene Absage jeglicher judenmissionarischer Aktivitäten aufgibt.

Aus all dem ergibt sich für mich: In den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts öffnete sich das christliche Denken, mit ihm die Herzen der Menschen, die Sensibilität für Andersdenkende, und die Gesprächsbereitschaft der Religionen. Christentum und Judentum rückten einander näher. Den Juden wurde – in evangelischen und katholischen Kirchenleitungen – ein eigener Heilsweg kaum bestritten, heute wird er weitgehend nicht mehr zugebilligt. Und die Judenmission? Sie wurde damals aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt. Heute wird sie zwar nicht für opportun gehalten, aber nicht grundsätzlich zurückgewiesen, sondern wegen der deutschen Verbrechen in der Nazi-Zeit.

Die Juden hingegen fühlen sich durch die neue Entwicklung bedroht. Zwar müssen sie heute Gewalttätigkeit nicht mehr fürchten. Aber auch die „sanfte Form“ der Judenmission halten sie für „tödlich“.

Die Rolle der Politik in diesem Religionskonflikt ist auch heute unverkennbar. Religionsfriede ist ja nicht ein kirchliches, sondern ein allgemeines politisches, gesellschaftliches Gut. Und: Religion und Politik sind weiterhin eng miteinander verwoben. Dabei es ist bestürzend, dass Religion in der Öffentlichkeit vor allem als Ursache für Hass und kriegerische Auseinandersetzung gesehen wird – als Grund aller großen Kriege in der Menschheitsgeschichte. Allerdings werden nicht selten Kriege, die in erster Linie politische, soziale und ethnische Ursachen haben, als Religionskriege wahrgenommen, sobald auch Religion hineinspielt – schon deshalb, weil Religion als friedensunfähig gilt. Im allgemeinen Bewusstsein hat sich festgesetzt, dass sich Terroristen zur Rechtfertigung ihrer Greueltaten auf heilige Schriften berufen, und viele Menschen meinen, nur ihr Glaube sei richtig, sie haben nichts als Verachtung übrig für andere, die für die letzten Dinge andere Wörter benutzen, sie in anderen Normen und frommen Gewohnheiten pflegen. Die Diskussion um die Karfreitagsfürbitten ist angetan, die verbreitete Meinung über die Friedensunfähigkeit der Religion zu verstärken.

Als Hintergrund sehe ich zwei widerstrebende Einstellungen, in die sich die beiden Thesen, die ich vorhin zur Judenmission gezeichnet habe, einbetten lassen. Die beiden Einstellungen sind so: die einen möchten vor allem, dass Religion dem Frieden diene. Die anderen glauben, dass es vorrangig auf die Verwirklichung göttlicher Offenbarung ankomme, aber eben nur im Sinne ihrer eigenen Religion, die sie für wahr halten. Wenn sich diese Einstellung dann auch noch mit Militanz verbindet – was schnell passieren kann, weil es den Betroffenen um letzte Dinge geht -, dann kommt die Erinnerung an Religionskriege leichtfüßig zurück.

Aber andererseits; Ich möchte meine Glaubensüberzeugungen in meinem politischen Handeln nicht verraten. So wird es auch vielen anderen gehen. Da könnte hilfreich sein: den eigenen Glauben zu kennen und, wo erforderlich, die eigenen Glaubensüberzeugungen klar zu vertreten; aber auch, sich in den Glauben des anderen hineinzudenken, seinen Glauben und dessen Sozialisation kennenzulernen, Unterschiede zu benennen, sie nicht zu verkleistern, die berechtigte Position des Andersdenkenden zu respektieren, um mit ihm für eine friedvolle Menschheitsentwicklung zusammenarbeiten zu können. Dann könnte Religion zu einer fruchtbaren Bereicherung unseres gesellschaftlichen Lebens beitragen. In seiner Friedensenzyklika „Pacem in terris“ hat Johannes XXIII., der unvergessene Papst, bereits den Weg gewiesen, als er alle Menschen guten Willens zur Zusammenarbeit aufrief.

Auch seine Karfreitagsbitte, die später endgültig im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils formuliert wurde, ermöglicht diese Kooperation. Die Karfreitagsfürbitte Benedikts XVI. dagegen nicht; sie ist ja auf Abgrenzung, Ausschluss, Sieg über den Andersdenkenden angelegt.

Wie gehe ich als katholischer Christ mit der Entwicklung in der römischen Zentrale um?

Hanspeter Heinz, emeritierter Professor für Pastoraltheologie und Leiter des Gesprächskreises Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat wissen lassen, er bete nicht für die Bekehrung der Juden, sondern für die Bekehrung von Papst Benedikt: dass unser Gott und Herr sein Herz erleuchte, damit ihm eine größere Sensibilität für die religiösen Gefühle Andersdenkender zuteil werde. Das gebe ich als die Anregung eines Theologieprofessors und Priesters für das Fürbittgebet in katholischen Gottesdiensten gern weiter. Aber darüber hinaus ist mir wichtig, dass Christinnen und Christen den Widerspruch gegen Benedikts Karfreitagsgebet immer wieder, bei jeder passenden Gelegenheit, vortragen. Das, denke ich, schulden wir unserer christlichen Geschichte ebenso wie den Ermordeten des jüdischen Volkes und seinen neu geschmähten Mitgliedern; aber auch dem Religionsfrieden in unserer vielgestaltigen, demokratischen Republik.

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