Lingen. Auf großes Interesse stieß die Führung des Forums Juden-Christen Altkreis Lingen e.V. über den Jüdischen Friedhof an der Weidestraße. Die Vorstandsmitglieder Georg Wichmann und Anne Gottschalk führten die Besucherinnen und Besucher über das historische Gelände und berichteten über die Geschichte jüdischen Lebens in Lingen sowie über jüdische Bestattungstraditionen.

Der Jüdische Friedhof gehört zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen jüdischen Lebens in der Region. Erste Hinweise auf seine Existenz stammen aus dem Jahr 1734. Heute sind auf dem rund 1.340 Quadratmeter großen Gelände etwa 70 Grabsteine erhalten. Über viele Jahrzehnte wurden hier nicht nur jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Lingen, sondern auch aus Freren und Lengerich beigesetzt.

Anhand verschiedener Grabstätten machten Gottschalk und Wichmann die Lebensgeschichten der dort bestatteten Menschen anschaulich. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf Helga Hanauer, deren Todestag sich am 20. September 2026 zum 50. Mal jährte.

Helga Hanauer wurde 1940 in den Niederlanden als Tochter des aus Lingen stammenden Gustav Hanauer geboren. Ihre Familie überlebte die nationalsozialistische Verfolgung mit Hilfe des niederländischen Widerstandes. Später lebte sie in Lingen. 1975 kritisierte sie öffentlich, dass bei der 1000-Jahr-Feier der Stadt das Schicksal der jüdischen Bevölkerung kaum berücksichtigt wurde. Damit gab sie einen wichtigen Anstoß für die spätere Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte Lingens.

Helga Hanauer starb am 20. September 1976 im Alter von nur 36 Jahren und wurde auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt.

Bei der Führung wurde auch auf den jüdischen Brauch eingegangen, beim Besuch eines Grabes einen kleinen Stein auf den Grabstein zu legen. Zu der Bedeutung der Steinchen auf den Gräbern gibt es verschiedene Auslegungen. Die Steine zeigen, dass das Grab besucht und des Verstorbenen gedacht wurde. Zugleich stehen sie aufgrund ihrer Dauerhaftigkeit für die bleibende Erinnerung sowie für Ewigkeit und Unvergänglichkeit. Anders als in der christlich geprägten Friedhofskultur wird auf traditionellen jüdischen Gräbern in der Regel auf Blumenschmuck verzichtet.

Mit seinen Führungen möchte das Forum die Geschichten der hier bestatteten Menschen bewahren und jüdische Geschichte vor Ort sichtbar machen.