LINGEN. (fwp) Über 200 Menschen wollten am 9. November der Pogrome von 1938 gedenken. Am Gedenkort Jüdische Schule hörten sie Reden von Oberbürgermeister Dieter Krone und dem Vorsitzenden des Forum Juden-Christen, Simon Göhler. Besonders beeindruckten neben der einfühlsamen musikalischen Begleitung durch den Violinisten Felix Hammer Schülerinnen der Marienschule, die an die Schicksale von jüdischen Kindern aus Lingen erinnerten. Wie schon im Vorjahr hatte die Stv. Forums – Vorsitzende Angela Prenger junge Menschen zu aktiver Beteiligung am Gedenken eingeladen.

Simon Göhler sprach vor dem Hintergrund der Hamas-Massaker am 7. Oktober über die Novemberpogrome in Lingen. „Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Lingen wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November in Brand gesetzt. Erst Stunden später traf die Feuerwehr ein. Ein damaliger Gerätewart erinnert sich: ‚Als wir die Schläuche angeschlossen hatten und löschen wollten, kam der Befehl, dass die Synagoge nicht zu löschen sei‘. So habe man sich lediglich darauf beschränkt, ein Übergreifen des Feuers auf die Nachbarhäuser zu verhindern, darunter die ehemalige jüdische Schule.“

Göhler dankte den Menschen, die das nach der Nazizeit als Pferdestall missbrauchte Gebäude der Jüdischen Schule retteten und dafür sorgten, dass es nun einen würdigen Erinnerungsort gebe. Er dankte der Stadt Lingen für ihren Einsatz bei der Pflege des Gedenkortes.

Oberbürgermeister Krone, der den wachsenden Antisemitismus heftig anprangerte, ging ebenfalls auf die 85 Jahre zurückliegenden Verbrechen ein. „Diese Nacht der Gewalt und Zerstörung markierte einen grausamen Wendepunkt im Aufstieg des Nationalsozialismus und führte zu unermesslichem Leid für die jüdischen Menschen. Die Ereignisse jener Nacht waren geprägt von Brutalität, Hass und dem brennenden Wunsch, jüdisches Leben zu vernichten. Die Straßen waren erfüllt von Schreien der Verzweiflung und des Entsetzens, während die Flammen der brennenden Synagogen den Himmel erhellten. Es war eine Nacht des Schreckens, die in die Geschichte eingraviert ist und zu den dunkelsten Kapiteln unserer Vergangenheit gehört.“

Krone führte aus, dass heute lebende Menschen nicht verantwortlich für die Taten der Nazis seien, wohl aber dafür, dass Ähnliches nie wieder geschehe. „Die Verpflichtung bleibt, die uns dieses Erbe abverlangt. Und das heute mehr denn je. Wir stehen in der Verantwortung gegenüber der Geschichte unserer Nation.“

SchülerInnen der Marienschule mit BegleiterInnen. v. rechts Lilien Falbe, Enrico Jansen, Magdalena Wortmeier, Lea Hürkamp, Silke Deters, Anna-Sophie Greve, Hannah Krüger, Aneta Kahle, Marisa Anna Ventura Reis, Eva Viktoria Fink, Angela Prenger. Foto fwp

Zerbrochene Kinderseelen – Schicksale jüdischer Kinder aus Lingen in den Jahren 1933 – 1945“. Unter diesem Titel stellten Schülerinnen aus den 9. und 10. Klassen der Marienschule Lingen in Begleitung von Silke Deters und Enrico Jansen erschütternde Porträts vor. Das Mitgefühl für die Naziopfer war den Vortragenden anzumerken, oft drückten sie das auch aus. Ein Beispiel: „Leonie Hanauer, geboren 1925, lebte mit ihren Eltern Hermann und Elsa Hanauer und ihren drei Brüdern Eduard, Günther und Kurt in der Lingener Gymnasialstraße. Vater Hermann war im 1. Weltkrieg schwer verwundet worden. Im Oktober 1934 floh er vor dem beginnenden Naziterror nach Brüssel. Seine Frau Elsa folgte ihm mit Leonie und Kurt. Auch Eduard und Günter kamen zur Familie nach Brüssel. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht auf Befehl Hitlers endete das gemeinsame Familienleben. Eduard, Günter und Kurt wurden nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Leonie und ihre Eltern konnten untertauchen. Leonie erzählt: „Wir fanden einen Keller, wo wir uns für ungefähr zwei Jahre versteckten. Mein Vater ging des Nachts heraus, um etwas Essen zu finden. Er wurde 1943 von der Gestapo verschleppt und meine Mutter im Jahre 1944.“ (…) Als die Nazis aus Belgien vertrieben waren, kam sie in ein jüdisches Kinderheim. Jeden Tag ging sie zum Bahnhof in der Hoffnung, dass ihre Eltern oder ihre Brüder zurückkamen. Die Hoffnung war vergeblich. Unerwartet traf sie ihren Onkel Bernhard Hanauer. Ehemals aus Lingen in die USA geflohen, war er als amerikanischer Soldat in Frankreich eingesetzt. Er hatte nach Familienangehörigen gesucht und so Leonie gefunden. Er nahm sie mit in die USA. Leonie Hanauer hat niemals wieder deutschen Boden betreten. Sie starb 2001 in New York.“

Marisa Anna Ventura Reis (am Pult) und Eva Viktoria Fink erinnern an Ruth Heilbronn. Foto: Helmut Kramer (Stadt Lingen)

Die Veranstaltung endete mit der traditionellen Kranzniederlegung durch Krone und Göhler.

FREREN. (Klaus Schröder) Am 9. November wurde morgens wieder sehr würdevoll der Novemberpogrome gedacht. Seit über 40 Jahren organisiert Lothar Kuhrts die Veranstaltung am Gedenkstein in unmittelbarer Nähe zum jüdischen Bethaus.

Das Gedenken ist aktueller und notwendiger denn je. Und so ist es von großer Bedeutung und eine schöne Tradition, dass sich die Schüler*innen der Franziskus-Demann-Schule und der Paul-Moor-Schule an dieser Veranstaltung beteiligen. In diesem Jahr erinnerten die Zehntklässler an die grausamen Schicksale der jüdischen Mitbürger. Sie wurden beraubt, erniedrigt, gequält und ermordet. Der Schülerchor umrahmte das Gedenken mit dem bekannten jüdischen Lied “Shalom Chaverim”. 

In ihrer Rede nahm Tanja Landgraf, Mitglied des Rates der Stadt Freren sich der Bedeutung des Erinnerns an. „Es macht mich sprachlos, dass 78 Jahre nach der Beendigung der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten vor genau einem Monat und zwei Tagen in Israel von der Hamas der größte Genozid an jüdischen Menschen seit dem zweiten Weltkrieg verübt wurde.  Seit Jahrzehnten sagen wir ‘Nie wieder’ und meinen damit, dass nie wieder solche Gräueltaten wie im Holocaust an jüdischen Menschen von Deutschen verübt werden dürfen. Aber, nicht nur das: ‘Nie wieder’ meint auch keine Duldung von Antisemitismus oder Rassismus oder anderer Unterdrückung. Wir alle sollten wachsam sein und uns gegen jede Form von Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzen. Wir müssen für ein demokratisches und tolerantes Deutschland eintreten, in dem jeder Mensch ungeachtet seiner Herkunft, Religion oder Hautfarbe gleichberechtigt ist, in dem jede Person ihre Meinung vertreten darf und niemand Angst haben muss vor Repressalien.“ 

LENGERICH (Ilona Schulte/ Simon Göhler)

Anlässlich des Erinnerns an die Novemberpogrome vom 9. auf den 10.November1938 fand am Donnerstagvormittag um 09:45 Uhr im Lengericher Bürgerpark eine Gedenkveranstaltung  statt. 1938 lebten in Lengerich 17 voll im dörflichen Leben integrierte jüdische Bürger. Viele wurden ermordet, anderen gelang die Flucht. Heute erinnern im Ort Stolpersteine und im Bürgerpark ein 1987 errichteter Gedenkstein an sie.

Viele Bürgerinnen und Bürger sowie die Schülerinnen und Schüler der Oberschule Lengerich kamen zu der Gedenkveranstaltung. Es sprachen Samtgemeindebürgermeister Matthias Lühn und der Vorsitzende des Forums Juden-Christen Altkreis Lingen e.V., Simon Göhler. Beide erinnerten an die schrecklichen Ereignisse vor 85 Jahren und zogen zugleich  Parallelen zu den derzeitigen schrecklichen Kriegen in Israel und der Ukraine.

Aktiv an der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung wirkten auch die Schüler/innen des Wahlpflichtkurses Geschichte (Jahrgänge 9 und 10) der Oberschule mit. Sie trugen ein selbst verfasstes Gedicht vor und legten für jedes Familienmitglied der vor dem Beginn des Naziterrors  in Lengerich wohnenden Familien Heilbronn einen Stein am Gedenkstein ab.

Für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgte Maria Fischer. Mit Gitarrenbegleitung wurden gemeinsam Lieder gesungen wie „Höre, Israel“ oder „Freunde, dass der Mandelzweig“. Pfarrer Brinker übernahm den geistlichen Teil der Veranstaltung.

 

Zum Gedenktag s.auch den sehr lesenswerten Artikel von Carsten van Bevern (LT) zum Schoa-Opfer Leo Halperin unter https://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/leo-halperin-1920-lehrer-in-lingen-1943-in-auschwitz-ermordet-45857712