Beitrag lesen...

Justizminister besuchte Donnerstag Gedenkort Jüdische Schule in Lingen

Lingen (pe)
Tief beeindruckt zeigte sich gestern mittag der niedersächsische Justizminister Dr. Wolf Weber (SPD) von dem Engagement der Stadt Lingen, die Erinnerung an die jüdische Gemeinde der Stadt aufrechtzuerhalten. Besonders sichtbar wird dieses Bemühen an der Jüdischen Schule in der Jakob-Wolff-Straße, die der Minister besuchte. Und dies an einem geschichtsträchtigen Tag: der 9. November 1938 stellte mit der Pogromnacht den Beginn der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland dar.

In der jüdischen Schule hatten neben Weber unter anderem auch Vertreter der SPD, darunter die Landtagsabgeordnete Elke Müller, sowie Mitglieder des Arbeitskreises Judentum-Christentum mit ihrem Vorsitzenden Pastor Wolfgang Becker an der Spitze Platz genommen. An der Veranstaltung nahm außerdem der Osnabrücker Rabbiner Marc Stern teil.

,,Der 9. November war der Buchstabe A des Alphabets der jüdischen Vernichtung in Deutschland und Europa”, sagte Stern. Juden und Christen in Deutschland hätten die gemeinsame Pflicht, die Erinnerung an die Grausamkeiten des NS-Regimes wachzuhalten. ,,Wir Juden müssen dies tun, um an unsere Toten zu erinnern, die sonst ein zweites Mal getötet würden.” Die Erben der Täter sollten die Erinnerung wachhalten, damit sich diese Verbrechen nie mehr wiederholten.

In einer sehr persönlich gehaltenen Ansprache dankte Justizminister Dr. Weber der Stadt Lingen, dass sie mit der Erhaltung der Jüdischen Schule ein Zeichen gegen das Vergessen gesetzt habe. ,,Wir wollen und dürfen nicht vorbeigehen an diesem Datum des 9. November”, betonte Weber. Es gelte jenen ,,Reihen junger Männer, die mit unsäglichen Parolen Angst verbreiten und die Straße für sich gewinnen wollen”, die Stirn zu bieten.

Dazu gehöre ebenso, sich zur Geschichte zu bekennen, auch zur eigenen, meinte der Minister, der dies durchaus wörtlich nahm. Der SPD-Politiker erinnerte in seiner Ansprache an seinen Urgroßvater Benjamin Samuel, der aus Ungarn stammte und jüdischen Glaubens war. Weber drückte abschließend seine Freude darüber aus, dass in der Region Weser-Ems die Zahl der jüdischen Gemeinden in den vergangenen Jahren wieder größer geworden ist.

Wie stark die jüdische Gemeinde in der Stadt Lingen integriert war, machte der Leiter des Lingener Emslandmuseums, Dr. Andreas Eiynck, deutlich. Er blickte auf die ersten Spuren jüdischen Lebens in Lingen im 17. Jahrhundert zurück, rief den Bau der Synagoge und der jüdischen Schule im Jahre 1878 in Erinnerung, ebenso die Pogromnacht 1938, als SA-Leute die Feuerwehr am Löschen der Synagoge hinderten. Die Schule ging damals nur deshalb nicht in Flammen auf, weil sie zu dicht an Nachbarhäusern gestanden hatte.

Die Stadt Lingen habe sich anfangs recht schwer mit ihrer eigenen Geschichte getan, sagte der Historiker und erwähnte ein Buch zur 1000-Jahr-Feier der Stadt im Jahre 1975, in dem die jüdische Gemeinde mit keinem einzigen Wort erwähnt worden sei. Seitdem habe sich aber vieles geändert, sagte Eiynck mit Blick auf die aufwendig sanierte Schule und den herzlichen Umgang der Stadt mit den nun zu Ehrenbürgern ernannten früheren jüdischen Bürgern Ruth Foster, geborene Heilbronn, und Bernard Gruenberg.

Im Anschluss daran legte der Minister vor dem Gedenkstein zur Erinnerung an die jüdischen Familien Lingens Blumen nieder. Rabbiner Marc Stern sang das ,,El mole rachamin” (Gott erfüllt uns mit Barmherzigkeit), ein hebräisches Gebet, dessen Inhalt sich dennoch jedem erschloss. Die Aufzählung der Vernichtungslager in diesem Gebet verstärkte das Anliegen aller, Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

[collapse]