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Gestern Gedenkfeier in Lingen

Lingen (pe)
Bernhard Fritze war gerade 13 Jahre alt, als er an jenem 10. November 1938 von seiner Mutter geweckt und auf den Feuerschein in der Nachbarschaft aufmerksam gemacht wurde. „Bei Gels Bernd brennt es”, meinte die Mutter, doch sie irrte sich. Es war die jüdische Synagoge, die ein Opfer der Flammen wurde.

Der Zeitzeugenbericht des inzwischen 78-jährigen bekannten Heimatforschers am Sonntag bei der Gedenkfeier an die Reichspogromnacht und die im Holocaust umgekommenen jüdischen Bürger am Gedenkort Jüdische Schule ging den Teilnehmern unter die Haut.

„Als wir zur Synagoge kamen, lag diese bereits in Schutt und Asche”, erinnerte sich Fritze. Die Feuerwehr habe dort gestanden, um ein Übergreifen des Brandherdes auf andere Gebäude zu verhindern. Warum die Sirene denn nicht zu hören gewesen sei, habe er gefragt, aber keine Antwort bekommen. An die zynische Äußerung eines SA-Mannes erinnerte er sich auch noch: „Vielleicht ist in den Schläuchen ja statt Wasser Benzin.”lt-10-11-03_3

Fritze beschrieb am Beispiel seines eigenen Vaters, wie schwierig es in der Zeit des Nationalsozialismus gewesen sei, ein offenes Wort zu sprechen. Die Meinungsfreiheit heute sei deshalb ein hohes Gut, das es zu verteidigen gelte. „Umso unverständlicher ist es mir, wenn es wieder Menschen gibt, die Geschichtsklitterung betreiben”, spielte er auf die unsäglichen jüngsten Äußerungen des CDU-MdB Hohmann an. Er schäme sich angesichts solcher Worte.

Die verbalen Entgleisungen des Politikers nahm Oberbürgermeister Pott zum Anlass, auf die Notwendigkeit solcher Gedenkveranstaltungen hinzuweisen. Nach 65 Jahren seien manche Menschen der Ansicht, dass es doch mittlerweile genug sei mit dem Gedenken und der Erinnerung. Sie meinten, dass dies mittlerweile zu einem überwundenen Kapitel der deutschen Geschichte gehöre.

Leider zeigten aber die aktuellen Ereignisse, dass von einer echten Überwindung keine Rede sein könne. „Die jetzigen Entgleisungen sind nicht entschuldbar und geben einen deutlichen Hinweis darauf, dass Gedenkfeiern wie diese an keinem Ort in unserem Land überflüssig sind”, betonte Pott.

Der Oberbürgermeister dankte dem Forum Juden-Christen und allen anderen Gruppen, die sich um die Aufarbeitung der Geschichte und gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit engagieren. Jeder bleibe an seinem Platz, ob in Politik, Verwaltung oder Schule, bei der Arbeit oder in der Freizeit, aufgefordert, sich Intoleranz und Ausgrenzung zu widersetzen.
Der Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Reinhold Hoffmann, hatte insbesondere Hella Wertheim, Überlebende von Auschwitz, und Renée und Eva Manne begrüßt, deren Bruder Samuel in dem KZ umgekommen war. „Wir sind es Ihnen schuldig, dass sich Vergleichbares niemals wiederholt.”

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