Bei einer Pressekonferenz am 15. Mai 2017 hat das Forum Juden-Christen seine kritische Haltung zum geplanten Museum für Bernd Rosemeyer und Elly Beinhorn öffentlich gemacht. Grundlage war der nachfolgende Text.

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Stellungnahme des Forums Juden-Christen zum Plan eines Rosemeyer-Museums in Lingen Aufgrund des einstimmigen Beschlusses der Mitgliederversammlung vom 3. Mai 2017 nimmt das Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen e.V. zu den Plänen von Heinrich Liesen zur Einrichtung eines Museums für Bernd Rosemeyer und Elly Beinhorn in Lingen wie folgt Stellung: Das Museum wäre eine öffentliche Angelegenheit, was u.a. daraus zu ersehen ist, dass Herr Liesen Kontakt zum Oberbürgermeister aufgenommen hat. Das Museum will er in Zusammenarbeit mit dem Emslandmuseum realisieren. Herr Liesen strebt eine Einbindung seines Vorhabens in öffentliche Stadtführungen an. Das Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen e.V. nimmt seit über drei Jahrzehnten in der Öffentlichkeit und in Zusammenarbeit mit der Stadt Lingen Aufgaben in der Aufarbeitung der NS-Zeit und der Erinnerungsarbeit wahr. Zu den Zwecken des Vereins gehört laut Satzung Zeichen gegen das „Vergessen“ zu setzen, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus entgegenzutreten und nach Wegen der Versöhnung und des friedvollen Miteinanders aller Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion, zu suchen. Auf der geistigen Grundlage der bisherigen Aufarbeitung und Gedenkarbeit, wie sie an vielen Gedenkstätten deutschlandweit, aber auch international und speziell auch im Emsland in der Gedenkstätte Esterwegen zum Wohle unseres Landes und in der Suche nach Verständigung unter den Völkern geleistet wird, hat ein Rosemeyer-Beinhorn-Museum keinen Platz. Denn: Bernd Rosemeyer hat seinen Sport in engster Verbindung mit dem NS-Gewaltregime ausgeübt. Er stellte schon 1932 einen Antrag auf Aufnahme in die SS, nachdem er zuvor bereits Mitglied der SA gewesen war. In der SS brachte er es in kurzer Zeit zum Hauptsturmführer. In der Öffentlichkeit trug er mit Stolz die Embleme der SA. Er wurde von der Nazi-dominierten Presse zusammen mit seiner Ehefrau als Held und Sieger glorifiziert, der deutschen Jugend als Vorbild präsentiert, und er ließ sich damit ohne Not für die abgründigsten Ziele des NS-Staates, unter denen damals schon Hunderttausende und später dann Millionen Menschen auf der ganzen Welt gelitten haben, vereinnahmen. Bernd Rosemeyer wollte von Seiten des NS gefördert werden. Er ließ sich auf den NS ein und wurde vom NS in herausragender Weise für dessen Ideologie instrumentalisiert. Besonders deutlich wurde das auf der Trauerfeier für den am 28. Januar 1938 verunglückten Rennfahrers, die am 1. Februar 1938 in Berlin stattfand. An dieser Trauerfeier in der Dahlemer Friedhofshalle nahmen neben den Angehörigen nicht nur die Teamkollegen der Auto-Union und der Chef des NS-Kraftfahrtkorps teil. Es waren auch etliche hochrangige Militärs anwesend. Der Chef der SS, Heinrich Himmler, schickte einen Vertreter aus der obersten Führungsebene, SS-Gruppenführer August Heißmeyer, und sogar die Reichsregierung war durch Verkehrsminister Julius Dorpmüller vertreten. Eine unpolitische Trauerfeier war das nicht. Adolf Hitler meinte in einem persönlichen Kondolenzschreiben an die Witwe, sie möge sich mit dem Gedanken trösten, dass ihr Mann „für deutsche Geltung fiel“. Für unsere demokratische und rechtsstaatliche Gesellschaft gibt es in keinem Bereich Anknüpfungspunkte in den ideologischen Setzungen des NS-Regimes. Auch nicht im Bereich des Sports. Denn dieser wurde vom NS dazu missbraucht, ein Volk letztlich zu Kriegszwecken zu ertüchtigen und ihm ein Überlegenheitsdenken und eine Härte gegen andere einzuimpfen. Auch ging es darum, die jüdischen Sportler auszugrenzen. Hiervon war unter vielen auch Rosemeyers Rennfahrerkollege Hans Levy betroffen, der in die USA fliehen musste. Wir sind der Meinung, dass die Stadt Lingen die geistige Haltung beibehalten sollte, in deren Konsequenz sie zwei überlebenden jüdischen ehemaligen Bürgern 1993 die Ehrenbürgerschaft verliehen hat, in der sie seit Jahrzehnten die Erinnerung an die Pogromnacht vom 9. November 1938 wachhält und in der sie sich darum bemüht, nicht die protegierten Helden, sondern die Widerstandskräfte und die Opfer der NS-Zeit – letztere auch durch Stolpersteine – zu ehren. Diese uns aufgetragene Gedenkkultur sollte nicht durch eine Rosemeyer-Beinhorn-Museums-Bühne konterkariert und zu Fall gebracht werden. Klare Worte sind nötig: Wir fordern die Mitglieder des Stadtrats und den Herrn Oberbürgermeister auf, die von ihnen mitgetragene Gedenkarbeit und gemeinsam gepflegte Gedenkkultur nicht außer Acht zu lassen, sondern daran festzuhalten und sie fortzusetzen. Das Forum Juden- Christen im Altkreis Lingen e.V. will keine Fortsetzung der Glorifizierung einer NS-Figur. Wir möchten kein Bernd-Rosemeyer-Museum. Niemandem hier und sonst im Forum Juden-Christen liegt, ebenso wie auch sonst keiner Bürgerin und keinem Bürger Lingens daran, den Menschen Bernd Rosemeyer zu verurteilen. Denn weder sind wir eine dazu legitimierte rechtliche noch moralische Instanz. Gleichwohl verurteilen wir die Haltung und das Tun Bernd Rosemeyers , der sich aus Gründen des persönlichen Vorteils und Nutzens dem unmenschlichen Hitlerregime angedient hat und von diesem in nachgerade symbiotischer Weise vereinnahmt wurde, und zwar zu einer Zeit, in der bereits klar war, wohin die „Reise“ mit der Menschenwürde bzw. ihrem Bruch und der Verfolgung und Drangsalierung der als unliebsam etikettierten Deutschen und der blutrünstigen Kriegsvorbereitung ging. Sein Leben endete dann aber, ohne dass ihm die Gelegenheit geblieben wäre, es zu bedenken, Unziemliches zu widerrufen und sich neu zu orientieren. Wo könnte deshalb die Befugnis herkommen, über Bernd Rosemeyer den Stab zu brechen? Gleichwohl kann Bernd Rosemeyer, der zu einer Gallionsfigur des NS-Systems avancierte, und damit auf der Täterseite im Apparat von NS und SS stand, kein Vorbild sein – für niemanden von uns, allemal nicht für junge Menschen, und darum eben auch darf er nicht zum Mittelpunkt einer Heldengedenkstätte in der Elektrobäckerei in Lingens Burgstraße werden. Zudem wäre die Existenz einer derartigen Einrichtung gleich einer Ohrfeige für die Opfer des Naziterrors, nicht nur die Lingener Opfer, und käme, so hat der Vorsitzende des Forums Juden-Christen in Nordhorn, Gerhard Naber geschrieben, einem „Schlag gegen alle so intensiven Bemühungen in Lingen um eine gelingende und nachhaltige Erinnerungskultur gleich“. Wir fragen deshalb den Initiator Herrn Liesen: – Welchen Sinn kann in Kenntnis des zwiespältigen Lebenswegs und der Geschichte Bernd Rosemeyers die Einrichtung eines Museums für den Rennfahrer machen – nicht nur für ihn selbst und Heinrich Liesen, sondern für die Stadt Lingen insgesamt, also uns alle? – Gibt es ein Konzept für das Museum, das die Verwerflichkeit der unrühmlichen Doppelrolle in den Blick nimmt und beleuchtet, die der berühmte Rennfahrer aus eigennützigen Gründen in der NS-Zeit und für die Nazis gespielt hat? Man nennt eine solche Einrichtung im Gegensatz zu den Opfermuseen Tätermuseum. – Wie wollen es Stadt, Rat und Verwaltung mit der Roten Linie halten, die wir zwischen Heinrich Liesens Museumsprojekt für einen herausragenden Protagonisten des NS-Systems, den willfährigen Helden Bernd Rosemeyer einerseits und der jahrzehntelangen gemeinsamen Erinnerungsarbeit und Gedenkarbeit in Sachen Nationalsozialismus, Naziterror, Krieg und Holocaust, unserer gemeinsamen Verpflichtung darauf und unserer nie endenden Verantwortung für die Opfer andererseits, doch hoffentlich alle ziehen wollen und ziehen müssen?

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