9. November 2016

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Meine Damen und Herren, wir alle, die Jahr für Jahr und schon Wochen vorher auf dieses Datum schauen, und uns überlegen, was es dazu wohl noch zu sagen gibt, und was der Gedenktag zur Reichspogromnacht 1938 vielleicht uns allen noch bedeutet, freuen uns sehr und danken Ihnen herzlich, besonders auch den jungen Menschen, die heute hierher gekommen sind – heute, 78 Jahre danach. Mit der reichsweiten Feuersbrunst, in der in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 nahezu alle Synagogen Deutschlands auf Befehl des damaligen Reichskanzlers Adolf Hitler und seines teuflischen Paladins Josef Göbbels in Schutt und Asche versanken, begann der offene und für jedermann wahrnehm-und sichtbare Kampf gegen das Judentum – haargenaus so, wie Hitler selbst dies bereits 1925 in „Mein Kampf“, also 8 Jahre vor der sogenannten Machtergreifung, dargelegt hatte. „Mein Kampf“ wurde übrigens und sozusagen zwangsweise jedem neuvermählten Paar auf dem Standesamt mitgegeben. Der Synagogenbrand galt den jüdischen Kultusstätten, also dem, was für Christen Kirchen sind und wo sie, die Christen, darauf bedacht sind, dass ihren Gotteshäusern keinesfalls Ähnliches oder jede andere Art der Schändung passiert. Das aber war lediglich der Anfang des blindwütigen Kampfs der Nazis, also der Hitler-Faschisten, zur Ausrottung des Judentums, seiner Kultur – die Bücherverbrennung jüdischer und weiterer Autoren hatte bereits 1933 stattgefunden und ebenso die Diffamierung der sogenannten entarteten Kunst – und sodann der jüdischen Menschen Deutschlands und am Ende ganz Europas. Es waren 6 Millionen Menschen, unter ihnen wahrscheinlich 1,5 Millionen Kinder; eines von ihnen war der in Lingen geborene und hier mit seinen Eltern lebende Ihno ten Brink, der im Alter von 12 Jahren in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurde. Und aus Freren kennen wir den Namen des kleinen Samuel Manne. Hätte diese unfassbare Katastrophe der Kultur und der Humanität mitten in Europa mitsamt dem damit verbundenen gigantischen Völkermord, der Shoah, so auch geschehen können, hätte der Holocaust so auch passieren müssen, wenn die Menschen, möglichst viele Menschen, dagegen aufgestanden wären? Wir, die Nachlebenden, können darüber heute nur schlaumeiern und spekulieren. Denn bis heute gibt es trotz der Anstrengungen der Historiker und trotz der eigentlich eindeutigen Wahlergebnisse für die Nazis keine Klarheit darüber, ob und wie viele Menschen denn wirklich gegen Hitler standen, zumindest nicht Mitläufer seines totalitären Unrechtsregimes waren. Gleichwohl bleibt diese Frage immer weiter auf der Tagesordnung der Geschichte. Denn wenn Erinnerungsarbeit und Gedenkkultur über und an die Shoah einen Sinn haben sollen, kann solcher Sinn selbst tatsächlich nur gefunden werden, wenn wir die nie endende historische Verantwortung unserer Nation für den Tod von Abermillionen jüdischer Menschen, von Sinti und Roma, Homosexuellen und politisch Andersdenkenden in unserem Bewusstsein haben, in unserem Bewusstsein behalten und mitbedenken – immer auch mit Blick auf damals, mit Blick auf heute und mit Blick auf morgen. Indessen ist gewiss, dass es den Begriff der Menschenwürde und das Gebot der Menschenachtung auch damals längst schon gab. Denn das Abendland berief sich auch damals schon und schon lange davor auf seine jüdisch-christliche, mindestens aber wohl auf die christliche Tradition und Kultur und deren Gebote – egal, ob sie als gottgegeben galten oder in der inzwischen säkularen Gesellschaft als Ergebnis der Aufklärung und ihrer Philosophen, z.B. Immanuel Kant, betrachtet wurden. Menschenverachtung, Rassenideologie, Antisemitismus, Sexismus, Fremdenhass, Mord und Völkermord waren damit als gesellschaftliche oder politische Instrumente von vorne herein und per se ausgeschlossen – eigentlich, keineswegs aber tatsächlich. Und nicht einmal heute, also Jahrzehnte nach dieser furchtbaren Lektion, die uns nach Hitlers infernalischer Deutschstunde aufgegeben war und aufgegeben bleibt, ist das so, obwohl es überaus achtbare Anstrengungen gab und immer weiter gibt, Mitmenschlichkeit und die Achtung der Menschenwürde zu befestigen, z.B. 1948 durch die UNO-Charta der Menschenrechte, und sodann in den Grundrechten unserer Verfassung. Artikel 1 des Grundgesetz lautet darum: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Finden Sie, dass sich damit volksverhetzerische Begriffe und Parolen wie artfremd, Primitivgesellschaften, Quotenneger, Rettung des Deutschtums, Wirtschaftsflüchtlinge, Parallelgesellschaft, Islamisierung, völkisch und die Bewahrung des Völkischen, laut Alexander Gauland, „Am besten mit Bismarck‘-schem Instrumentarium auszurotten, nämlich ,mit Eisen und Blut‘ “ – finden Sie, dass dies alles sich mit dem Menschenwürdeanspruch unserer Verfassung oder gar den, dem christlichen Abendland heiligen Gesetzen Gottes verträgt? Und finden Sie nicht auch, dass die wachsende Zahl sogenannter Hasskriminalität, die wir den Polizeistatistiken entnehmen, das genaue Gegenteil dessen bezeugt? Hasskriminalität ist Kriminalität gegen Menschen und gegen Sachen, z.B. gegen Moscheen, Synagogen und Flüchtlingsheime, die in Brand gesteckt werden oder gegen die Menschen selbst, die darin einstweilen Zuflucht gefunden haben – leider auch in Lingen, wie wir uns ja sicher alle leicht erinnern. Und finden Sie es nicht auch bedrohlich und deprimierend zugleich, dass die Chefideologen dieser Rattenfängergilde inzwischen jedes 10. Wählers, mancherorts sogar jedes 6. Wählers gewiss sein können? Das aber ist ein Mehrfaches von dem, was sich sowieso im Sigma- oder 2-Sigmabereich am Fransenrand jeder Normalstatistik findet. Nicht nur von den derzeitigen Wahlsiegern und ihnen verwandten Gruppen wie NPD, Reichsbürgern, Identitären und ihren europäischen und neuerdings auch überseeischen Mitstreitern, also in den USA: was da heute passiert ist, haben wir wahrscheinlich alle überhaupt noch nicht begriffen – nicht nur in diesen Zirkeln werden Hass und Aggression gegen Fremde geschürt und gepäppelt. Die Rattenfänger sind in der Mitte etablierter Parteien mit ihren Parolen unterwegs z.B. so, wie ich es in einem Antrag gelesen habe, der am Wochenende einem Parteitag im Süden Deutschlands vorgelegen hat: Die Bundeskanzlerin dürfe nicht wiedergewählt werden, weil, ich zitiere: „… sie einen beispiellosen, oft unkontrollierten Migrationsstrom aus den rückständigsten, gewalttätigsten sowie christen- und frauenfeindlichsten Regionen dieser Erde nach Deutschland geleitet“ habe. Carolin Emcke, die neulich mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche geehrt wurde, und in ihrer Dankesrede auch ihre eigene Andersheit und ihre Betroffenheit durch die gesellschaftliche Debatte über Homosexuelle zur Sprache brachte, hat in und zu diesem Zusammenhang, wie ich finde, überaus klug formuliert. Ich zitiere: „Manchmal frage ich mich, wessen Würde, wenn sich [wie auch immer] Menschen gegen Menschen wenden, wessen Würde da beschädigt wird: unsere und die Würde derer, die nicht als zugehörig erklärt werden, oder die Würde jener, die uns und den anderen die Rechte, die zu uns gehören, absprechen wollen. [Denn] Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn und solange sie allen zugesichert werden.“ Und sie fuhr fort: „Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird“ Ja, sie sagte geschützt! „Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen oder Seinsweisen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.“. Was nun haben das eine, was an Parolen des Ungeists durch unsere Gesellschaft wabert, und das andere, was Frau Emcke uns ins Stammbuch geschrieben hat, mit uns, vor allem mit unser aller Verantwortung zu tun, von der hier ja auch die Rede sein soll? Ich denke, es geht darum, sich zu positionieren, Stellung zu beziehen und die von Überheblichkeit strotzenden Pseudoargumente von Volk und Vaterland als den in Plüsch verpackten Ungeist von damals zu entlarven, als es diese Formel auch schon gab – allerdings trinitarisch und beschworen als die Einheit von Führer, Volk und Vaterland. Was diese unsinnige Flucht in Restauration und Reaktion bedeutet hat und immer neu bedeuten kann, hat der Jenaer Historiker Norbert Frei kürzlich in einem einzigen Satz zusammengefasst – ich zitiere: „Was damals mit dem ,Völkischen‘ angefangen hat, fand seine Erfüllung und sein Ende im Völkermord.“ Deshalb könnte für unsere Verantwortung heute gelten und Aufgabe sein, was die jüdische Philosophin Hannah Ahrendt nach der Shoah und im Rückblick auf diese formulierte: „Was wir tun können? Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden. Und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen – gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“ Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihr Wohlwollen und für Ihre freundliche Geduld!

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