Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Krone, sehr geehrte Damen und Herren aus Rat und Verwaltung der Stadt Lingen, lieber Herr Minani vom Lingener Flüchtlingsforum, lieber Herr Ghaffari, liebe Lingener Bürgerinnen und Bürger, Neubürgerinnen und Neubürger, liebe Jugendliche: über Euer Kommen freuen wir uns ganz besonders!

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Jahr für Jahr finden wir uns am 9. November zur Erinnerung an die von den Nazis, genauer gesagt, von der inzwischen zur Polizei avancierten SA angerichteten Synagogenbrände hier zusammen. Wir erinnern uns, zusammen mit den Menschen, die uns immer noch und hoffentlich immer weiter zuhören wollen, an die reichsweite Feuersbrunst vor nun schon 80 Jahren, die Hitlers Verbrecherbande über die deutschen Synagogen gebreitet hat. Wir wissen, dass diese Katastrophe als Vergeltungsakt für das Attentat auf einen deutschen Botschaftsattaché ausgegeben wurde, und wir wissen, dass die Reichskristallnacht, wie Hitler und seine Leute diesen ja auch kulturellen Flächenbrand nannten, nur der Anfang war. Der Anfang vom Ende der Zivilisation, der Anfang des unfassbaren Vernichtungsprozesses, den die Nazis sich, nicht nur als Nazis, sondern als Inhaber der staatlichen Macht und deutsche Reichsregierung und mit Hilfe ihrer exekutiven Gewalt vorgenommen und sodann auch mit unvorstellbarer, menschenverachtender Grausamkeit zu Ende gebracht haben – beinahe noch bis zum 8. Mai 1945. Die Bilanz ist bekannt: es gab 60 Millionen Kriegstote, 6 Millionen ermordete Juden und mehrere Hunderttausend ermordeter Systemgegner oder sonst wie unliebsamer Menschen in Deutschland und Europa: Sinti und Roma, kranke und hilflose Menschen, darunter eine Menge kranker Kinder, Schwule und Lesben, Geistliche und Ordensleute aus den christlichen Kirchen.

Und wir leugnen auch heute nicht mehr, was wir ebenfalls schon lange wissen, und eigentlich immer schon wussten, dass Hitler sich nicht etwa an die Macht geputscht hat, sondern durch das Mehrheitsvotum des deutschen Wahlvolks dazu berufen wurde.

Wir gedenken dieses Unheils immer aufs Neue, vor allem aber der zahllosen Opfer, ihrer Not, ihres Leids und ihrer Qualen, die erst endeten, wenn Hitlers Mordgesellen mit ihrem fürchterlichen Werk fertig waren.

Wir gedenken ihrer, um ihnen Ehre und Achtung zu erweisen, ihre Namen in unser Bewusstsein zu rufen statt sie dem Vergessen zu überantworten und wir trauern mit ihnen, um sie und über das mörderische Unrecht, das sie erlitten haben. Helga Hanauer und Ruth Foster-Heilbronn, die den Holocaust, die Shoah, überlebten, haben uns dazu in eindrücklicher Weise angeleitet. Sie sind die hier zuletzt gestorbenen Juden. Ihre Lebensgeschichten sind aber auch Auftrag an uns, es mit den formelhaften Beschwörungen „Nie wieder“ und „Wehret den Anfängen“ nicht bewenden zu lassen, sondern alles daran zu setzen, dass sie sich als wirksame Vorsätze erweisen, und dass sie Anerkennung, Wirkmacht und Glaubwürdigkeit gewinnen.

Aus den Erzählungen meiner Eltern, aber auch aus dem vorzüglichen Geschichtsunterricht eines mit seiner radikalen und rückhaltlosen Berichterstattung im damaligen Lehrerkollegium der 1950er und 1960er Jahre aber allein stehenden Lehrers weiß ich, dass „Vogelschiss der Geschichte“ nicht wahr, sondern Ausdruck schlimmster Menschenverachtung ist; fataler Weise aber nicht nur eine furchtbare Entgleisung, sondern die feste Überzeugung von Alexander Gauland, ebenso der Ausdruck „Kopftuchmädchen“, der die Assoziation von Minderwertigkeit, also die Bedienung herabwürdigender faschistischer Vorstellungen von Mensch und Menschenbild nahelegt, ebenso der Ausdruck „Umvolkung“. Nicht viel anders verhält es sich mit einem Satz wie dem folgenden, der im Zusammenhang der lokalpolitischen Debatte um ein Rennfahrermuseum von einem Disputanten zu hören war: Für ihn sei, so sein Debattenbeitrag, dieses Projekt bedeutender als alle Stolpersteine, die inzwischen in Lingen für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus verlegt worden seien – und zwar wegen seines angeblich erzieherischen Charakters; so live und online per NDR.

Dafür, dass wir bzw. die Gesellschaft insgesamt „Nie wieder“ auch wirklich meinen, und „Wehret den Anfängen“ ebenfalls, und dass es uns ernst damit ist, sprechen solche, für unser aller Glaubwürdigkeit desaströsen Worte, Begriffe und Sätze nicht. Denn sie haben nichts, aber auch gar nichts mehr gemein mit Menschenachtung und auch nichts mit der Achtung der Mordopfer des Hitlerregimes und auch nichts mit unser aller Verantwortung dafür, ihre Namen in Ehren zu halten, vor dem Vergessen zu bewahren und ihr Ansehen und ihre Würde wiederherzustellen.

Wir erinnern uns, so las ich das neulich, wir erinnern uns um der Zukunft willen. Und wenn wir uns im Zusammenhang mit dem Holocaust erinnern, dann sind wir gemeint, wenn es heißt: um der Zukunft willen. Diese Zukunft hat längst begonnen und diese Zukunft sind wir!

Was wir indessen im Sommer aus Chemnitz gehört und gesehen haben, vor drei Jahren aus Paris und nun aus Pittsburgh, und was an bundesdeutschen Stammtischen, in öffentlichen Kundgebungen oder gar im Bundestag geredet wird, zeigt zweierlei: Dass es zum Verständnis der Gesellschaft, unserer Gesellschaft, für unausweichliche Veränderungen, vielleicht sogar Umwälzungen, angesichts der längst realen und wirklich stattfindenden, aber wohl unaufhaltsamen und weltweiten Völkerwanderung – dass es zum Verständnis dafür noch einiger Nachhilfe bedarf. Einer Völkerwanderung übrigens, deren Größe von Experten auf 60 Millionen geschätzt wird, und an der wir Europäer nach allem, was wir so in der Welt angestellt haben und immer noch anstellen, nicht unschuldig sind.

Beträchtliche Teile unserer Gesellschaft begegnen dieser Entwicklung mit Unverständnis, Ablehnung, Ausgrenzung und Aggression, leibhaftig auf der Straße, wie wir gesehen haben, und in Wirtshäusern, in den Parlamenten oder bei der familiären Konfirmationsfeier mit Worten, Redewendungen, Wertungen, populistischen und darum beinahe immer unwahren, mindestens aber unwahrhaftigen Parolen der schon genannten Art. Auf diese Weise erleben die alten, längst für verstaubt und unbrauchbar gehaltenen Ideologien von Rassismus und Antisemitismus ihren Wiedereinzug in den gesellschaftlichen Diskurs

Von Engagement oder gar Hilfe, vielleicht sogar einer neuen nationalen Aufgabe und Anstrengung, von einem vielleicht sogar systematischen Entwurf oder gar Konzept für die Zukunft dieser, dann anderen, bunten Gesellschaft, wie wir [hier in Lingen] gesagt haben, ist indessen von diesen großmäuligen Hetzern nichts zu hören.

Darum sind die Werkzeuge aus der ideologischen Mottenkiste der Nazis wie die neue Heiligung des Rassismus, Verachtung und Ausgrenzung, die Spaltung der Gesellschaft, die Neuauflage des furchtbaren Begriffs der „Ballastexistenzen“ weder tauglich, noch sind sie human, und verbieten sich schon allein deshalb. Denn eine Gesellschaft, die nicht der Humanität, nicht der Menschenwürde, nicht der Offenheit, nicht der Freiheit, nicht der Toleranz verpflichtet ist, wird nie eine miteinander befriedete Gesellschaft sein können. Auch das könnten wir aus der Nazigeschichte gelernt haben.

Ich komme zurück zu „Zeigt uns zweierlei“: jetzt nämlich die Sprache betreffend, mit der besagter Ungeist transportiert wird. Ich zitiere: Sprachliche Verrohung ist längst bei jenen Politikern angekommen, die in Deutschland Verantwortung tragen“ – so Stefan Lüddemann in der NOZ am 29.10. mit einem Zitat der diesjährigen Preisträgerin des Georg-Büchner-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, Teréza Mora. Lüddemann fügte in seinem Kommentar zur Rede der Preisträgerin den folgenden wichtigen Gedanken hinzu: „Wörter sind niemals einfach nur Wörter. Im gesellschaftlichen Miteinander sind sie Handlungen, Handlungen, die Folgen haben. … Wörter sind eine Macht.“

Deshalb bedarf es des Widerspruchs, unseres Widerspruchs, wenn wir uns derartigen Kanonaden ausgesetzt sehen: bedarf es des Widerspruchs in der Sache und des Widerspruchs gegen die Wortführer des Ungeists, gegen den unziemlichen Umgang mit der Sprache und gegen den Versuch der Vernebelung unserer Hirne, was damit vermutlich ebenfalls bewirkt werden soll. Bundestagspräsident Schäuble, hat das, also den Widerspruch und die Verurteilung solcher Sprache, neulich Gott sei Dank eindrucksvoll vorexerziert.

Und ein weiteres: Nach der großen Antipegidademonstration 2015, zu der das Forum Juden Christen aufgerufen hatte, nach der sehr eindrucksvollen Demonstration „Lingen leuchtet“ von Frau Spielmanns und weiteren Aktivisten und Gruppen, nach mehreren Friedensgebeten, zu denen wir uns als Christen mit Muslimen und Juden vereint haben, bin ich der Überzeugung, dass es solcher einprägsamer und über den Alltag hinausweisender Zeichen immer weiter bedarf. Es sind Zeichen des Widerspruchs und Leuchtfeuer der solidarischen Gesellschaft für Verantwortung, Frieden und Versöhnung.

Ich bin darum sehr dankbar für das eindrucksvolle Zeichen, das wenigstens unser Oberbürgermeister mit seinem persönlichen Votum, wenn auch vergeblich, bei der Verhandlung der Resolution „Seebrücke“ gesetzt hat, und damit der Idee, der Symbolkraft und dem moralischen Imperativ der Errettung Ertrinkender vor dem Tod gefolgt ist. Ist dies doch auch eine Geschichte, mittels der vor mehr als 3 000 Jahren Moses mit Hilfe der Tochter des Pharao Rettung erfuhr und seinen Weg in die Welt und zu den Menschen fand. Aber auch eine Geschichte, die dem Lingener jüdischen Bürger Max Frank zum Weg in die Todesfabrik von Auschwitz geriet, weil die St. Louis, mit der er zusammen mit 930 Juden Amerika oder Kuba zu erreichen hoffte, nirgendwo dort anlegen und festmachen durfte und unverrichteter Dinge mit 930 verzweifelten Juden nach Europa zurückkehren musste. Die Tochter des Pharao hat, als sie des mit Teer bestrichenen Papyruskörbchens mit dem neugeborenen Moses darin gewahr wurde, vermutlich nicht überlegt, ob sie dazu ein politisches oder gar ein moralisches Mandat habe oder nicht habe oder haben müsse. Sie hat es einfach getan.

Christen gab es damals freilich noch nicht und das zur Beschimpfungsformel aufgerüstete Wort „Gutmensch“ ebenfalls nicht.

 

Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld!

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