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Erna de Vries sprach gestern in Lingener Friedensschule

Lingen (pe)
Erna de Vries schob den linken Ärmel ihrer Kostümjacke hoch – in der Eingangshalle der Lingener Friedensschule hätte man gestern eine Stecknadel fallen hören können. Die 79-jährige Jüdin, die seit über 50 Jahren in Lathen wohnt, zeigte den jungen Leuten aus den Abgangsklassen des Schulzentrums die Nummer, die auf ihrem Unterarm tätowiert war. Auschwitz hat sich nicht nur in den Erinnerungen von Erna de Vries unauslöschlich eingebrannt.

Die Friedensschule bemüht sich seit vielen Jahren darum, den Jungen und Mädchen die jüngste deutsche Geschichte nicht nur anhand von gedruckten oder bebilderten Darstellungen näher zu bringen. Immer wieder lädt sie auch Zeitzeugen ein, die die Ereignisse nicht nur erlebt, sondern auch durchlitten haben.lt30-01-03_1

Dem Vortrag von Frau de Vries und der anschließenden kurze Fragerunde mit den Schülerinnen und Schülern ging die Eröffnung einer Ausstellung im ersten Stock der Schule zum Thema „Auschwitz-Befreiungstag“ voraus. Konzipiert hat sie Paul Haverkamp, unter anderem Fachbereichsleiter für Geschichte an der Friedensschule. Die beklemmende Wirkung dieser Darstellung des Grauens in dem Vernichtungslager auf den Betrachter verstärkte sich noch durch die Anwesenheit von Erna de Vries, die selbst mit ihrer Mutter auf der Eisenbahnrampe von Auschwitz gestanden hatte.

 Das Unfassbare in Worte zu fassen, gelang der Lathenerin in ruhiger, bedächtiger Art. Aufmerksam und konzentriert hörten die jungen Leute aus den neunten und zehnten Schuljahren zu, wie die 79-Jährige von ihrer Kindheit und Jugend in Kaiserslautern berichtete – und von dem drastischen Einschnitt am 9./10. November 1938. Hatten die Nürnberger Rassengesetze die Juden in Deutschland drei Jahre zuvor bereits entrechtet, so machte die Reichskristallnacht endgültig klar, was Erna de Vries und ihre Mutter – der Vater war bereits verstorben – nun zu erwarten hatten. „An diesem Tag, ich war 15 Jahre alt, wurde ich erwachsen und wusste, dass wir vogelfrei waren“, erinnerte sie sich.lt30-01-03_2

Die Rentnerin beschrieb dann die Zeit von 1939 bis 1943, die sie in Köln verbrachte. Dort arbeitete sie in der Krankenpflege. Immer wieder flocht die 79-Jährige in ihrem Bericht kurze Erlebnisse mit Menschen ein, die sich zum Beispiel trauten, trotz des Druckes der Nationalsozialisten noch eine Jüdin zu grüßen. Rückrat zeigen und Ausgegrenzten helfen waren in diesen Teilen ihres Berichtes unausgesprochene Botschaften an die jungen Leute der Friedensschule.

Im Juli 1943 wurden Erna de Vries und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert. Bewegend erzählte sie von den Selektionen im Lager, von den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Dann schien das Ende nahe, als Erna de Vries in den Todesblock 25 musste, gemeinsam mit Hunderten anderer Frauen.

 „Am nächsten Tag sollten wir vergast werden“, erinnerte sich die Jüdin an die schreckliche Nacht, als die Insassen des Blocks in der sicheren Erwartung des Endes unter Todesängsten litten. Als alle am nächsten Tag hinaustreten mussten, setzte sich Erna de Vries auf die Erde. „Lieber Gott, ich möchte leben – aber wie du willst“, betete sie. Bis dahin sei sie nicht besonders religiös gewesen, berichtete die Lathenerin.

Sie ist davon überzeugt, dass ihr Gottvertrauen auch ihr Leben gerettet hat, denn ein SS-Mann rief plötzlich ihre Nummer. Mit 84 anderen Frauen sollte Erna de Vries in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt werden. Sie wusste, dass dies ihr Leben retten konnte, während ihre Mutter in Auschwitz bleiben würde.

 „Als meine Mutter hörte, dass ich rauskam, war sie sehr glücklich“, berichtete die 79-Jährige. Die beiden verabschiedeten sich auf der Lagerstraße von Auschwitz in dem Wissen darum, dass sie sich nie wiedersehen würden. „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“, gab die Mutter ihr zum Abschied auf den Weg. Erna de Vries überlebte auch die Zeit in Ravensbrück. Das Lager wurde im April 1945 aufgelöst, rund 1000 Frauen wurden in Marsch gesetzt. „Viele kamen damals auf diesen Todesmärschen um“, beschrieb sie die letzten Tage des Martyriums bis zum Kriegsende.

Viele Fragen prasselten anschließend auf Erna de Vries nieder. Die jungen Leute fragten auch danach, ob sie Hass gegenüber all’ denen empfinde, die ihr dieses Leid angetan hatten. „Nein, auch mein Mann nicht, obwohl er sechs Jahre lang im Konzentrationslager war“, antwortete die Lathenerin. Ihr geht es, und das machte sie den Schülerinnen und Schülern mit ihren Lehrern deutlich, um zweierlei: „Ich möchte den Auftrag meiner Mutter erfüllen und junge Menschen durch meinen Bericht auffordern, wachsam zu bleiben, damit sich solche Ereignisse nicht wiederholen.“

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