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Grünberg besuchte Friedensschule

Lingen (pe)
Die letzte Begegnung von Vater und Sohn im Zug vor der Abreise nach England war auch die letzte in ihrem Leben: Die bewegende Geschichte von Bernhard Grünberg, der dem Holocaust der Nationalsozialisten entkam, rührte auch die Jungen und Mädchen der Lingener Friedensschule, die vergangenen Freitag durch den Vortrag des 81-Jährigen eine Geschichtsstunde der besonderen Art erlebten.

So hatte es eingangs Schulleiter Ewald Teipen formuliert und er sollte recht behalten. Seit Jahren ist es das Bemühen der Schule, den Abschlussklassen der Haupt- und Realschule ein Gespräch mit Zeitzeugen des Holocausts zu ermöglichen. Auch gute Fachliteratur und engagierte Lehrer können letztlich nicht einen solch‘ bleibenden Eindruck auf junge Menschen hinterlassen, wie es Zeitzeugen vermögen. Denn diese haben das Geschehene nicht nur erlebt, sondern auch erlitten.

Bernhard Grünberg, jüdischer Ehrenbürger der Stadt Lingen, ist so ein Beispiel. 1923 in Lingen als Sohn eines Viehhändlers geboren, berichtete er den jungen Leuten, wie er nach der Machtergreifung Hitlers 1933 „mit Worten und körperlich angegriffen wurde, nur weil ich Jude war“. Der 81-Jährige schilderte, wie er auf dem Schulhof und auf dem Weg nach Hause von Mitschülern gequält wurde. Gerade in diesen Passagen seines Vortrages war Grünberg seinen jungen Zuhörern ganz nah, denn das Thema Ausgrenzung von Kindern auf Schulhöfen und in Klassenzimmern ist auch heute ein Thema – da machen Lingener Schulhöfe keine Ausnahme.

Der Gast schilderte anschließend seinen Weggang nach Berlin 1937/38, wo er auf einen handwerklichen Beruf vorbereitet werden sollte. Als der Aufenthalt für Juden in Deutschland immer gefährlicher wurde, entschlossen sich die Eltern, Bernhard mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Sie retteten ihm damit das Leben, während sie und seine Schwester in der Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches zu Tode kamen.

Ein Fotoalbum von seiner Familie ist alles, was Bernhard Grünberg geblieben ist. Heute fühlt er sich mehr als Engländer, denn als Deutscher. „Deutschland ist nicht mehr meine Heimat, die hat man mir genommen“, sagte er. Ohnehin wäre er wohl nie mehr nach Lingen zurückgekehrt, wenn sich die Stadt nicht mit so viel Engagement um die Aufarbeitung der dunklen Kapitel ihrer Geschichte kümmern würde. „Ich fühle mich verpflichtet, diese Arbeit zu unterstützen“, begründete der 81-Jährige, warum er trotz seines hohen Alters regelmäßig die Strapazen der Reise auf sich nimmt.

Viele Fragen prasselten auf ihn ein, die sich oft auf seine Schulzeit bezogen. Positiv ist ihm ein Lehrer in Erinnerung, der ihm freigegeben hatte, als Rassenkunde und andere volksverhetzende Themen auf dem Stundenplan standen. Es waren die Momente, wo er angstfrei nach Hause gehen konnte, weil seine Mitschüler noch im Unterricht saßen.

Nein, eigene Kinder habe er leider keine gehabt und das tue ihm schon ein wenig weh, antwortete Grünberg auf die Frage einer Schülerin. Seine Frau sei vor zwei Jahren gestorben. „Ich bin nun wieder da, wo ich angefangen bin: allein“, sagte er. Als der Vortrag zu Ende war, verließen die Jugendlichen leise und sehr diszipliniert die Eingangshalle. Obwohl das Wochenende bevorstand, war niemandem nach Gejohle zumute. Bernhard Grünbergs Worte hatten viel Stoff zum Nachdenken gegeben.

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