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Zahlreiche Gegenstände zu Festtagen und Gebräuchen – Hinterhofcharakter soll auch künftig erhalten bleiben

Lingen (pe)
“Zur Erinnerung, 8. November 1998″ steht unter dem von Ignatz Bubis handsignierten Foto auf einem kleinen Tisch in der Jüdischen Schule in Lingen. Über ein Jahr ist es her, seit dem der inzwischen verstorbene Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland der Stadt Lingen im Allgemeinen und der kleinen Schule im Besonderen seine Aufwartung gemacht hatte. Während draußen der Wind um die Ecken pfeift, ist es im Inneren des Gebäudes anheimelnd warm. Pflanzen stehen an den Fenstern. ,,Normalität” im Angesicht des Holocaust, der vor allem in Form des KZ-Kleides von Ruth Foster überall im kleinen Raum präsent ist – ist das kein Widerspruch?

Für Anne Scherger, Mitglied im Arbeitskreis Judentum-Christentum, ist das kleine Haus mehr als nur ein Ort, der auf die Leiden jüdischer Mitbürger Lingens zur Zeit des Nationalsozialismus hinweisen will. Die großen Vitrinen an den Wänden der Schule sind voll von Gegenständen, die jüdische Festtage und Gebräuche erklären können. Sie nehmen im Vergleich zu Erinnerungsstücken an den Holocaust einen wesentlich größeren Raum ein.

Die beiden Samttaschen mit den Initialen ,,B.G.” für Bernhard Grünberg sind zwei Beispiele. Die eine enthielt seinen Gebetsmantel, die andere die Gebetsriemen. Grünberg, der im Gegensatz zu seiner Familie den Holocaust nur überlebte, weil er 1938 als Jugendlicher nach England ausreiste, hatte Gebetsmantel und -riemen von seinen Eltern zum Bar Mizwa geschenkt bekommen. An diesem Fest zum 13. Geburtstag wurde Grünberg zum vollwertigen Mitglied der Synagogengemeinde Lingens. Gegenstände in der Jüdischen Schule können viele Geschichten erzählen…

,,Nur das, was man kennt, ist schützenswert”, sagt Anne Scherger. Indem jüdisches Gemeindeleben im wahrsten Sinne des Wortes wieder gegenständlich gemacht wird, erhält der Besucher der Schule auch einen Zugang zu den Menschen, die in dieser Schule einmal als Teil der jüdischen Gemeinde Lingens unterrichtet wurden oder in Lingen gelebt haben. Er lernt sie kennen, die Grünbergs, Cohens und Heilbronns. So spürt er tiefer, als es ein Geschichtsbuch leisten kann, die Notwendigkeit, Menschen beizustehen, die ins Abseits gedrängt werden. Die Jüdische Schule ist somit nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern Aufforderung zur Wachsamkeit.

Wenn die Stadt Lingen Anfang nächsten Jahres das inzwischen in ihrem Besitz befindliche Nachbarhaus der Schule am Konrad-Adenauer-Ring abreißt, wird die Schule für eine gewisse Zeit ihren Hinterhofcharakter verlieren, den es seit seiner Entstehung im Jahr 1878 immer gehabt hat. Der Arbeitskreis Judentum-Christentum spricht sich dafür aus, die entstandene Baulücke zu einem Teil wieder zu bebauen. ,,Nach außen hin soll die Schule abgeschlossen wirken”, betont Anne Scherger. Sie sieht in dieser Abgeschlossenheit auch einen wichtigen Schutz des Gebäudes vor möglichem Vandalismus. Ein schmiedeeisernes Tor im Eingangsbereich des Gedenkortes Jüdische Schule könne ein Übriges dazu tun.

Die Pläne der Stadt Lingen, die Jüdische Schule durch eine reduzierte Neubebauung am Konrad-Adenauer-Ring in eine angemessenen Weise ins Blickfeld zu rücken, kommen dem Arbeitskreis deshalb entgegen. ,,Gedenkorte zeichnen sich durch Zurückhaltung aus”, erläutern Planungsamtsleiter Lothar Schreinemacher und Stadtbaurat Nikolaus Neumann.

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