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Gedenken an der Jüdischen Schule – Fürbitten und Gebete

Lingen (neu)
Mit einer eindrucksvollen Gedenkfeier an der Jüdischen Schule in Lingen wurde der Opfer gedacht, die im Zuge der Reichspogromnacht am 9. November 1938 mit deren unsagbaren Folgeaktionen der Vollzugsorgane des Hitler-Regimes ein qualvolles Ende nahmen. Das Juden-Christen-Forum des Altkreises Lingen hatte zu diesem Erinnern eingeladen und viele Bürgerinnen und Bürger nahmen daran Teil.

Forumsmitglied Reinhold Hoffmann erinnerte in seiner Einführung an die Opfer und die Verwüstungen von Gottes- und Gemeindehäusern sowie unzähliger Geschäfte, die den jüdischen Mitbürgern gehörten. Auch in Lingen hätten in dieser Nacht vor den Augen der Bevölkerung die Nazis die Synagoge ungehindert niederbrennen können. In das Erinnern müsse auch eingebunden werden, dass die ersten Deportationen vom niederländischen Westerbork nach Auschwitz erfolgten.

Ebenso wolle man an die Verschleppung von deutschen und österreichischen Juden in das so genannte ,,Alters- oder Vorzugsgetto” in Theresienstadt erinnern, das entgegen der Darstellungen der Nazis in Wirklichkeit ein Konzentrationslager mit hoher Sterblichkeitsrate war. Es gelte insgesamt, die Vergangenheit wach zu halten, um in der Gegenwart leben zu können, sagte Hoffmann.

Jan de Graaf, Vorsitzender des Aktionskreises ,,Kamp Westerbork” aus den Niederlanden, nahm diesen Faden auf und merkte an, dass niemand einen Blick für die Gegenwart haben könne, wenn er vor der Vergangenheit die Augen verschließe. Die Reichspogromnacht sei Start zu einer unsäglichen Leidensgeschichte für viele Menschen geworden. Das Zentrallager Westerbork sei 1939 eingerichtet worden, um Zuflucht suchende Juden aus Deutschland aufzunehmen.

Nach der Wannseekonferenz 1942, bei der die ,,Endlösung” der Juden beschlossen wurde, sei die Einrichtung jedoch als Durchgangslager zur Vernichtung umfunktioniert worden. Westerbork via Auschwitz wären somit Traumata für unzählige Menschen geworden, in 93 Zügen seien über 100 00 Menschen in die Vernichtungslager transportiert worden, stellte Jan de Graaf noch einmal fest. Auschwitz und die anderen Vernichtungslager hätten eigentlich unser Denken über Toleranz und Gewalt verändern müssen, die Wirklichkeit jedoch sehe anders aus.

Jan de Graaf: ,,Eine bessere Welt ist aufgrund der schrecklichen Geschehnisse nicht entstanden, nach wie vor gibt es Gewalt, Folter und ethnische `Säuberungen` auf der Welt.” Es ist nach seinen Worten nicht die Geschichte, die sich wiederholt, sondern es sind die Menschen. Die Erinnerung an die Reichspogromnacht und die Folgezeit habe aktuellen Bezug. Es gelte nach wie vor, Intoleranz zu bekämpfen. Obwohl selbst Opfer wie Anne Frank und andere in ihrer schrecklichen Not nicht den Hass, sondern Hoffnung und Glaube an das Gute im Menschen in sich trugen und dieses weitergeben konnten, habe sich die Welt in den letzten 60 Jahren nicht verändert.

Ohne Hoffnung aber könne man nicht leben, darum sei es tröstlich und gut zu wissen, dass es Gruppen, Initiativen und Institutionen gibt, die sich der Mahnung und Erinnerung annehmen. Wenn vor allem junge Menschen diese Vergangenheit aufbereiten und verstehen lernten, könnten sie die bessere Zukunft mit Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit gestalten helfen, sagte Jan de Graaf.

Oberbürgermeister Heiner Pott mahnte, nicht zu vergessen, dass vor 64 Jahren eine staatlich organisierte Aktion dafür gesorgt habe, dass Menschenrechte und Menschenwürde in unserem Lande mit den Füßen getreten wurden. Die Reichspogromnacht war nach seinen Worten der Beginn des größten und schlimmsten Völkermordes der Geschichte. Tiefe Betroffenheit stelle sich am Gedenktag ein, weil auch in Lingen die Ereignisse schlimme Auswirkungen hatten.

Beim Niederbrennen der Synagoge ebenso bei Demütigungen, Verfolgungen und Deportationen der jüdischen Mitbürger habe es beifallspendende Zeugen gegeben, andere hätten geschwiegen oder seien gleichgültig gegenüber diesen Übergriffen gewesen. Man könne nichts rückgängig machen, was man als den traurigsten Teil der eigenen Geschichte ansehen müsse, aber man habe die Möglichkeit, aktiv dazu beizutragen, dass sich derlei Ereignisse niemals wiederholen.

Der wechselvolle Umgang der Stadt Lingen mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde hätte noch Mitte der 70er Jahre die gebührende Sensibilität für dieses Thema vermissen lassen. Es fehle zum Beispiel in der Chronik anlässlich des 1000-jährigen Bestehens der Stadt in 1975 ein Hinweis auf die jüdische Gemeinde. Es ist nach den Worten des Oberbürgermeisters seitdem einiges geschehen, um die Vergangenheit aufzuarbeiten, die Erinnerung wach zu halten und neuen extremistischen Richtungen entgegenzuwirken.

lt12-11-02_1Die Errichtung von Gedenksteinen auf dem jüdischen Friedhof, die Renovierung und Gestaltung der Jüdischen Schule zur Gedenkstätte, Einladungen an ehemalige jüdische Mitbürger der Stadt, die Pflege von Freundschaften sowie viele Veranstaltungen im Kulturbereich machten deutlich, dass der Stadt Lingen sehr daran gelegen sei, einen Beitrag zur Versöhnung, zur Aufarbeitung der Geschichte und zum Einsatz gegen jede Form der Fremdenfeindlichkeit zu leisten.

Dank sprach der Oberbürgermeister in diesem Zusammenhang dem Juden-Christen-Forum für das bisher gezeigte Engagement in diesem Sinne aus. Es gebe auch 2002 noch Menschen, die jüdische Friedhöfe schändeten, am Stammtisch Witze gegen Juden pflegten, am Arbeitsplatz Minderheiten mobbten und diskriminierten und sich allzu schnell von antisemitischen Äußerungen verführen ließen. Alle in Politik, Verwaltung oder Schule, bei der Arbeit oder in der Freizeit seien gefordert, diesen neuen Anfängen zu wehren. Die Gedenkfeier möge daher in diesem Sinne dazu beitragen, dass sowohl die Erinnerung an die Würde der Menschen wach gehalten als auch Toleranz und Mut in der Gesellschaft gestärkt werden, jeglicher Diskriminierung entgegen zu treten im Sinne von Integration, Verständigung und Versöhnung.

Fürbitten, Gebete und Erinnerung an die Lingener Opfer der Judenverfolgung sprachen Anne Scherger, Ursel und Johannes Wiemker, das Kaddish-Gebet sprach Herbert Jäger.

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