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Viele Bürger nahmen gestern an Grabsteinsetzung für Jeanette Herz auf jüdischem Friedhof teil

Lingen (pe)
Zahlreiche Bürger erwiesen gestern Jeanette Herz die Ehre – von anderen Menschen war sie in ihren letzten Lebensjahren entehrt und entrechtet worden, die meisten ihrer Geschwister kamen in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten um. Mit der Grabsteinsetzung für die Lingener Jüdin, die am 14. November 1941 gestorben und auf dem Friedhof an der Weidestraße begraben worden war, setzte das Forum Juden-Christen ein Zeichen der Erinnerung und Mahnung zugleich.

Kurz nach dem Tod von ,,Tante Netty”, wie Jeanette Herz in der Nachbarschaft und Verwandtschaft genannt wurde, hatten die Deportationen der Lingener und emsländischen Juden nach Riga eingesetzt. In ihrer Familie gab es niemanden mehr, der auf ihrem Grab einen Stein hätte setzen können. Für die Nichte von Jeanette Herz, Lilo Nathan-Duschinsky, war es deshalb gestern ein bewegender Moment, als der Grabstein enthüllt wurde.

Viele hatten dazu beigetragen: der Heimatverein Lingen, der sich um die Finanzierung gekümmert hatte, ebenso die Stadt, die unterstützend wirkte. Vor allem aber ist es die Arbeit von Anne Scherger, die bereits seit Jahren, ohne öffentlich Aufhebens davon zu machen, durch unermüdliche Quellenforschung und zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen die jüdische Geschichte Lingens wieder sichtbar macht.

So war es auch gestern. ,,Dies ist ein Tag der Erinnerung, an dem es uns gemeinsam gelungen ist, nach vielen Jahren des Vergessens das Grab der Verstorbenen der Namenlosigkeit zu entreißen”, betonte Reinhold Hoffmann, Vorsitzender des Forums Juden-Christen. Hoffmann freute sich, dass auch mehrere Jugendliche aus der Marienschule an der Gedenkstunde teilnahmen. Den weitesten Weg hatte Bernard Süskind zurückgelegt. Der in Fürstenau geborene Jude lebt seit vielen Jahren in New York und hatte eine Europareise mit einem Besuch in Lingen verbunden.

Lingens Erste Bürgermeisterin Ursula Ramelow wies darauf hin, dass durch die Grabsteinsetzung nicht nur an die jüdischen Bürger Lingens erinnert werden solle. Damit sei auch eine Mahnung verbunden, dass sich die Geschichte nicht wiederholen dürfe.

Die Geschichte von Jeanette Herz, ihr Leben in Lingen, riefen Anne Scherger und die Nichte Lilo Nathan-Duschinsky, inzwischen 80 Jahre alt, in Erinnerung. ,,Ich war sehr oft hier, um meine Tante zu besuchen, meistens in den Sommerferien”, sagte sie. Der schöne Garten ihrer Tante, gemeinsame Tage mit ihrer besten Freundin Almut Nolte, Synagogenbesuche, Besuche bei den Kohlen-Hanauers: jüdisches Leben in Lingen wurde durch die Rede von Frau Duschinsky für einen kurzen Moment wieder lebendig. Sie dankte allen für diese Steinsetzung auf dem Grab der Tante. ,,Für mich, meine Kinder und Enkel ist es sehr wichtig, dass meine Familie hier ein Andenken hat”, erklärte die in London lebende Jüdin.

Bevor die vielen Menschen auf dem jüdischen Friedhof Steine der Erinnerung auf den Grabstein von Netty Herz legen konnten, sang der Osnabrücker Rabbiner Marc Stern das ,,El Male rachamim”. In diesem Totengedenken in hebräischer Sprache sind die einzigen deutschen Worte die Namen der Vernichtungslager: Auschwitz, Stutthof, Majdanek…

Rabbiner Stern, der in den letzten Jahren häufiger in Lingen weilte, um zum Beispiel an der Enthüllung von Gedenksteinen für Emma und Jakob Wolff, letzter Synagogenvorsteher in Lingen, und der Familie von Bernhard Grünberg teilzunehmen, war voll des Lobes über dieses Engagement von Lingener Bürgern. ,,Das Licht der Erinnerung ist in Lingen nicht ausgelöscht”, unterstrich der Rabbiner.

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