Beitrag lesen...

Zahlreiche Bürger nahmen in Lingen an Einweihung teil

Lingen (pe)
Dichtgedrängt standen die Menschen am Sonntagabend um das kleine jüdische Schulhaus an der künftigen Jakob-Wolff-Straße. Fast schien es so, als wollten sie das Gebäude, das jahrzehntelang von seinen Besitzern als Schuppen genutzt und dem Verfall ausgesetzt worden war, in Schutz nehmen. Jene Bürger der Stadt, die um den historischen Juwel wußten, der das äußerlich unscheinbare Haus darstellt, freuten sich trotz des schlechten Wetters um so mehr über die würdige Einweihung des Gedenkortes ,,Jüdische Schule”.

Bevor diese sich ein Bild vom Inneren der Schule machen konnten, in dem sich eine Dauerausstellung über die Geschichte der jüdischen Familien aus Lingen befindet, besichtigte der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, das Gebäude. Museumsleiter Dr. Andreas Eiynck erläuterte dem Gast die Ausstellung, die im Wesentlichen Anne Ruth Scherger vom Arbeitskreis Judentum-Christentum konzipiert hat.

Am Vorabend der 60. Wiederkehr der Reichspogromnacht am 9. November 1938 betonte der stellvertretende Landrat Heinz Rolfes, daß jeder einzelne seinen Beitrag dazu leisten könne, damit sich solche Geschehnisse nicht mehr wiederholten. Dies fange schon in der Art und Weise an, wie man über den anderen spreche. ,,Sich verächtlich zu äußern, ist im Grunde genommen schon der erste Schritt auf dem Weg, Hemmungen abzulegen und Gewalt anzuwenden”, meinte Rolfes. Dagegen setzte der stellvertretende Landrat die Pflicht, sich für andere verantwortlich zu zeigen, ,,und dies so weit, daß man auch das letzte Stück Brot miteinander teilen würde”.

Oberbürgermeisterin Ursula Ramelow und Stadtarchivar Dr. Ludwig Remling wiesen in ihren Ansprachen auf die Geschichte der jüdischen Schule hin, die 1878, zeitgleich mit der Synagoge, auf dem damaligen Grundstück der jüdischen Gemeinde am Gertrudenweg 1 errichtet worden war. Die Schule sei ein einfaches Gebäude, erläuterte Dr. Remling. ,,Doch gerade in ihrer Schlichtheit ist sie ein sprechendes Symbol für die Geschichte der Synagogengemeinde Lingen”, unterstrich der Historiker. Dr. Remling wies auch darauf hin, daß die Lingener Juden weder zum Großbürgertum noch zum Geldadel gehört hätten. Sie seien einfache Händler, kleine Geschäftsleute und Arbeiter gewesen wie viele andere Lingener auch.

Als vor 60 Jahren auch die Lingener Synagoge brannte, blieb unsere kleine Schule verschont”, blickte Ruth Foster auf ihre Kinder- und Jugendjahre in der Stadt zurück. Sie hätte nie gedacht, daß aus dem Gebäude und seinen Außenanlagen ein so würdiger Ort der Erinnerung werden würde. Ihren Dank sprach sie in diesem Zusammenhang insbesondere an Gertrud Anne Scherger vom Arbeitskreis Judentum-Christentum und Anne-Dore Jakob von der Pax Christi Gruppe aus.

Lehrer Speier aus Sögel habe die jüdischen Mädchen und Jungen die Gebete in hebräischer Sprache gelehrt, ließ Ruth Foster die Mittwochnachmittage und Sonntagvormittage in diesem Gebäude in den 20ger Jahren noch einmal lebendig werden. Zu ihrer Zeit seien es etwa zehn Kinder gewesen, sagte sie.

,,Jetzt sind nur noch Bernhard Grünberg und ich hier als einzige Zeugen des Holocaust, von dem niemand behaupten solle, daß es ihn nicht gegeben hätte”, sprach die 76jährige. Die Stadt Lingen ehre ihre toten jüdischen Mitbürger sehr, betonte Frau Foster. ,,Wenn auch deren Stimmen nicht mehr zu hören sind, so ist diese Jüdische Schule doch ein Denkmal für alle”, sagte sie abschließend.

[collapse]