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Pogrom und Deportation 1938: Zeitzeuge berichtete gestern in der Lingener Friedensschule

Lingen (pe)
Die Jungen und Mädchen, die gestern im Eingangsbereich der Lingener Friedensschule saßen, waren zwischen 16 und 17 Jahre alt – so alt wie der Mann am Rednerpult zum Zeitpunkt seiner Verhaftung am 10. November 1938. Den Vortrag von Bernhard Süskind über seine Jugend im Nationalsozialismus erfuhren die Schülerinnen und Schüler deshalb auch als Mahnung: dass Freiheiten, die sie täglich in einer Demokratie genießen, jeden Tag aufs Neue verteidigt werden müssen.lt-06-11-03_1

Seit vielen Jahren ist es dem Schulzentrum an der Kiesbergstraße ein Anliegen, jüdische Zeitzeugen und ihre leidvolle Biografie vor jungen Menschen aus den Abschlussklassen der Haupt- und Realschule zu Wort kommen zu lassen. Leiter Ewald Teipen stellte den inzwischen 82-jährigen gebürtigen Fürstenauer deshalb als einen „besonderen Geschichtslehrer” vor. Auch ein noch so gut konzipiertes Lehrbuch kann Geschichte nicht so gut rüberbringen wie jemand, der sie selbst erfahren und erlitten hat.

Im Zentrum der Ausführungen Süskinds, der seit Ende 1939 in den USA lebt, standen die Ereignisse während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, als überall in Deutschland Synagogen in Flammen aufgingen, und seine Deportation in das KZ Buchenwald, gemeinsam mit Vater Alfred.

Anschaulich beschrieb Süskind den Schülern zunächst den Alltag in Fürstenau vor der Machtergreifung der Nazis 1933, als die Juden im Ort akzeptiert wurden wie alle anderen Bürger auch. Doch die Veränderungen kamen unaufhaltsam, wie ein schleichendes Gift. Betroffen machte die jungen Leute, wie Süskind vom Alltag in seiner Schule erzählte, „von den Pausen, wo kein Kind mehr mit uns spielen wollte”.

Die Erwachsenen reagierten nicht anders. „Die Leute wechselten die Straßenseite, nur um uns nicht grüßen zu müssen”, beschrieb der Jude eine Zeit wachsender Isolation im Ort, die er als Jugendlicher besonders bedrückend empfunden habe.

Doch es sollte alles noch viel schlimmer kommen. Ein guter Freund der Familie, der sogar an der Hochzeitsfeier von Süskinds Eltern teilgenommen hatte, ließ die Familie quasi ins offene Messer laufen. Unter einem Vorwand lockte er Vater und Sohn am 10. November 1938 zum Rathaus, wo beide verhaftet wurden. Alle männlichen Juden des Ortes wurden deportiert, auch diejenigen aus Freren, Lengerich und Lingen. Zielort: KZ Buchenwald.

Eine Stecknadel hätte man gestern in der Schule fallen hören können, als der 82-Jährige die Ankunft dort in bitterer Kälte schilderte: „Wir mussten uns in drei Reihen zu zehnt aufstellen. Da war nur eine kleine Tür. Peitschen der SS-Männer sausten auf uns nieder, als sie uns durch die Tür trieben. Wir bluteten alle, noch bevor wir das Lager betreten hatten.”

Darin ging der Horror weiter. Süskind sah einen Menschen am Galgen sterben, dessen bester Freund das Untergerüst wegtreten musste, und sah jemanden, der gegen die Haftbedingungen protestiert hatte, mehrere Tage tot im Schnee liegen. Die Wachen hatten ihn erschlagen. „Ich höre ihn heute noch rufen: ‚Lasst mich leben, ich hab’ doch Frau und Kinder‘”, hatte Süskind die schreckliche Szene auch 65 Jahre später genau in Erinnerung.

Der Fürstenauer hatte Glück, ebenso wie sein Vater. Sie wurden aus dem KZ Buchenwald entlassen. Der Familie gelang die Emigration in die USA, während andere Verwandte dem Holocaust zum Opfer fielen.

Viele Fragen prasselten anschließend auf ihn ein. Ein Schüler fragte, ob es ihm nicht schwer falle, über all diese Dinge zu reden. „Etwas in meinem Kopf sagt mir: Komme immer wieder nach Deutschland zurück und spreche darüber”, beschrieb er seine Gründe. Vergessen wird er diese Zeit ohnehin nie. „Meine Nummer im KZ weiß ich immer noch: 2189.”

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