Das breite Spektrum hebräischer Lieder war in der Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2020 in der Lingener Bonifatiuskirche zur Erinnerung an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren zu hören. Rezitiert wurden Texte der Befehlshaber des Völkermordes Hitler und Himmler. Rund 250 Menschen waren der Einladung gefolgt.

Bei der gemeinsam vom Dekanat Emsland-Süd , der Stadt Lingen, dem Ludwig-Windthorst-Haus und dem Forum Juden-Christen ausgerichteten Feier konzertierte die Sängerin Esther Lorenz, begleitet von dem Gitarristen Peter Kuhz. In den Gesangspausen wurden Texte der NS-Verbrecher Adolf Hitler und Heinrich Himmler sowie ein Text von Hannah Arendt aus „Eichmann in Jerusalem“ gelesen.
In seiner Begrüßung hob der Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, die jüdischen Beiträge für Wissenschaft und Kultur in Deutschland hervor. Er dankte Esther Lorenz und Peter Kuhz für die Anreise aus Berlin. „Ausdrücklich aber auch dafür, dass Sie den Blick unserer Erinnerung auf die Kultur des Judentums lenken, hier die Musik-Kultur des europäischen Judentums, deren Auslöschung ja ebenso zum Programm der Nazis gehörte wie die physische Auslöschung allen jüdischen Lebens in Europa.“ Lange machte darauf aufmerksam, dass für die Ausführung des Massenmordes an den europäischen Juden, von Sinti und Roma und anderen Opfergruppen Zehntausende Mittäter erforderlich waren.

Industrieller Massenmord

Dass die Vernichtung der Juden von Anfang an zum Programm der Nazis gehörte, erwies eine Lesung von Bernhard Kues aus „Mein Kampf“. Wie die SS den industriellen Massenmord ins Werk setzte, verdeutlichte ein ebenfalls von Bernhard Kues vorgetragener Auszug aus den berüchtigten Posener Himmler-Reden vor hohen SS-Führern 1943. In die „Banalität des Bösen“ (aus: Eichmann in Jerusalem), vorgetragen von Meike Behm, zeigt Hannah Arendt mit ihrem Text das perverse und gewissenlose Verantwortungssystem des Organisators der Verschleppungs- und Mordaktionen, Adolf Eichmann, auf. Agnes Kläsener und Holger Berentzen lasen den Psalm 91, “Wer im Schutz des Höchsten wohnt “, den Opfer noch vor ihrem Gang in die Gaskammern von Auschwitz beteten.

Ausdrucksstarke Stimme

Unter dem Titel „Numi Numi“ (Titel eines Schlafliedes) stellten Esther Lorenz und Peter Kuhz das breite Spektrum hebräischer Lieder vor, alte Volkslieder, Lieder mit Texten aus der Liturgie, dem Hohelied Salomons, aber auch moderne Songs aus dem neuen Israel. Mit ihrer schönen, mal kräftigen, mal zart klingenden, ausdrucksstarken Stimme sang sich Esther Lorenz in die Herzen der Zuhörer. Kaum jemand in der Kirche dürfte die hebräische Sprache verstanden haben. Lang anhaltender Beifall zeigte, dass es den Künstlern dennoch gelang, die Gefühlswelt und die zentralen Aussagen der Lieder mit der Sprache der Musik zu vermitteln. 

Foto: Gernot Wilke-Ewert